Friedhofsschändung in Gotha: „Kultur einer Landschaft erkennt man an der Gestalt ihrer Friedhöfe”

Unbekannte haben in der vergangenen Woche den Jüdischen Friedhof in Gotha geschändet. Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung hatten bei Pflegearbeiten insgesamt 20 Grabsteinen entdeckt, die mit Hakenkreuzen, SS-Runen und anderen Nazisymbolen – alles in schwarzer Farbe – beschmiert worden waren:

Gotha: Jüdischer Friedhof geschändet | Jüdische Allgemeine
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/28769

Für den offenen Leitungskreis der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen hat Dr. Carsten Liesenberg daraufhin gestern an den Vorsitzenden der Jüdische Landesgemeinde Thüringen und deren Mitglieder geschrieben. Wir dokumentieren seinen Brief:

Sehr geehrter, lieber Herr Prof. Schramm,
sehr geehrte Mitglieder der Jüdischen Landesgemeinde,

auch einige Tage nach der Schändung des jüdischen Friedhofes in Gotha möchte ich Ihnen im Namen des Arbeitskreises Kirche und Judentum Thüringen und natürlich auch persönlich unsere große Betroffenheit und Solidarität angesichts dieser zweifellos vorsätzlich frevelhaften Untat nahe bringen. Wir haben in unserer gestrigen Arbeitssitzung auch in dieser Hinsicht besonders an Sie gedacht.

Leider überraschen uns solche Nachrichten nicht mehr – auch ist vieles schon gesagt worden. Aber „gewöhnen“ können und wollen wir uns an diese und andere Straftaten auf keinen Fall. Als Gäste in Ihrem Gemeindezentrum haben wir uns vor kurzem mit der Reformation und ihren großen Schattenseiten befasst. Zu dieser Zeit war das Verbrennen von Büchern noch nicht unüblich, während es 1933 sehr wohl schon längst als Akt der Barbarei geächtet war. Die Wahrung der Würde und der Ruhe der Verstorbenen gehört jedoch zu einem der ältesten und unstrittigen Zeichen der menschlichen Kultur überhaupt. „Die Kultur einer Landschaft erkennt man an der Gestalt ihrer Friedhöfe“, pflegte einer meiner Hochschullehrer im Fach Landschaftsarchitektur zu sagen (als Atheist). Somit ist die Schändung von jeglichen Friedhöfen und Gedenkstätten eine besonders widerwärtige Untat – dass die gewählten Tatorte fast ausschließlich jüdische Stätten sind, beweist die antisemitische Haltung der Täter.

Wir können im Moment lediglich hoffen und fordern, dass tatsächlich endlich einmal Täter gefasst und bestraft werden. Längerfristig vermögen nur die allgemeine Aufklärung und konkret die Obacht der Anwohner in der Nähe der Friedhöfe solche Schändungen zu verhindern. Was wir dazu beitragen können, wollen wir gern und im engen Austausch mit Ihnen tun. Ich hoffe, Sie wissen uns an Ihrer Seite.

Mit freundlichen Grüßen und in herzlicher Verbundenheit
gez. Carsten Liesenberg

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