Archiv der Kategorie: Im Rückspiegel

Das schmeckte ganz koscher. CJD Erfurt tischte beim Kirchentag koscheres Essen auf

Den folgenden Text haben wir mit freundlicher Erlaubnis vom CJD Erfurt übernommen:
http://bit.ly/koscher_cjd

Kichererbsenpüree „Hummus“, Tahini-Mandel-Kekse und Hefeteigbrot „Challah“ schmecken echt lecker. Vielleicht auch deswegen, weil sie selbst zubereitet wurden. Wie nach jüdischen Maßstäben gekocht wird, erarbeiteten und probierten die Schüler der Klasse W4 an der CJD Erfurt Christophorusschule. Dafür befassten sie sich mit der Bedeutung von „koscher“ und lernten, welche Nahrungsmittel verboten – also „trefa“ –  sind und welche Lebensmittel als neutral („parve“) gelten. Über den Tellerrand hinaus befassten sie sich mit dem Judentum und der jüdischen Kultur allgemein. In dem Projekt, das sich über mehrere Wochen erstreckte, recherchierten sie in der Bibliothek zum jüdischen Glauben, besuchten die Synagoge in Erfurt und lauschten den Erzählungen von Rabbiner Benjamin Kochan zum jüdischen Leben. Diakon Michael Pohl vom CJD Ilmenau erzählte den Schülern von seiner Reise nach Jerusalem und zeigte Fotos.

Katja Kirchner, Schulleiterin der Christophorusschule, freut sich, dass das Projekt Anklang fand: „Für uns war das ein ungewöhnliches Projekt, das von den Schülern aber gut angenommen wurde. Gerade auch weil wir von der kulinarischen Seite an die Thematik herangegangen sind. Das Projekt umfasste viele Erlebnisse und der Höhepunkt ist, dass wir heute das Projekt vorstellen dürfen.“ Heute, das ist der 26. Mai 2017, an dem es im Rahmen des Kirchentages in Erfurt um den Themenschwerpunkt Juden und Christen geht. Im Kultur- und Bildungszentrum der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen gibt es Gespräche, Vorträge, Workshops und eine Ausstellung. Dabei stehen einige Schüler und Schulleiterin Katja Kirchner an einem Infostand Rede und Antwort zu ihrem kulinarisch jüdischen Projekt.

Daneben darf gekostet werden. Die Küche der Erfurter Werkstätten des CJD versorgt alle Besucher im Begegnungszentrum mit koscheren Speisen – zum Frühstück gibt es Bagels mit Hummus, Thunfisch, Tomate-Mozzarella oder Frischkäse; mittags dann Süßkartoffel-Kichererbsen-Spinat-Eintopf mit Minz-Zitronen-Joghurt und Aubergine mit Chermoula (einer Gewürzpaste), Hirsesalat und Joghurt. Damit koscher zubereitet werden kann, wurde die Küche mit neuem Geschirr, Besteck und Töpfen ausgestattet. Die schnell leer werdenden Servierteller machen offensichtlich, wie lecker koschere Speisen sind. Innerhalb weniger Minuten sind die Bagels vergriffen; die Küche kommt mit der Nachproduktion kaum hinterher.

Ricklef Münnich, Pfarrer und Leiter der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen, ist Mitinitiator des Projektes. Er ist mit der fruchtbaren und unproblematischen Zusammenarbeit glücklich. „Das Besondere an diesem Projekt ist die Partnerschaft aus drei Institutionen: evangelischer Kirche, jüdischer Gemeinde und dem CJD Erfurt. Es ist ein Format, das Leib, Seele und Geist zusammenbringt. Es spricht also den ganzen Menschen an, so wie Gott es ja auch will“, erklärt Ricklef Münnich.

Koscher zu leben ist außerhalb Israels gar nicht so einfach, erklärt Rabbiner Benjamin Kochan an diesem Tag allen Besuchern. Käse, Fleisch und Wein können bestellt, andere Zutaten müssen in den normalen Geschäften besorgt werden. Doch da weiß man nie, ob die Produktion auch koscheren Richtlinien entspricht. Bei welchen Marken auf eine koschere Produktion vertraut werden kann, lässt sich dem Buch „Rabbi, ist das koscher?“ entnehmen. Mit der darin befindlichen Liste gehen der Rabbiner und seine Frau in Erfurt einkaufen. Wer koscher kocht, darf nie „Fleischiges“ und „Milchiges“ zusammen in einer Mahlzeit bereiten, darf kein Schwein, Pferd oder Schalentier verarbeiten und keinen aus Gelatine geklärten Wein trinken. Wird Salat zubereitet, muss vor Verarbeitung gründlich geschaut werden, ob sich Insekten zwischen den Blättern verstecken. Denn die sind nicht koscher.

Erfurter Kreissynode lehnt Luthers Haltung zu den Juden ab

Die Synodalen des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt verabschiedeten im Verlauf der 5. Tagung der XVI. Kreissynode am 14. November 2015 im Augustinerkloster eine

Ablehnung der Haltung Luthers zu den Juden 
im Licht des Evangeliums von Jesus Christus

Der Beschlusstext lautet:

Thüringen ist ein Mutterland der Reformation. Für Christen sind die Lutherstätten Orte der Vergewisserung und der Vertiefung des Glaubensverständnisses. So denken wir in Erfurt an den Lutherstein bei Stotternheim, an das Augustinerkloster, die Michaeliskirche, die Kaufmannskirche, die Andreaskirche, die Barfüßerkirche und den Dom.

Dankbar erinnern wir uns etwa an die Veranstaltungsreihen im Lutherjahr 1983 im Erfurter Augustinerkloster. Die gegenwärtige Reformationsdekade bringt mit ihren Jahresthemen vielfältige Impulse für die Gemeindearbeit hervor.

Wir sind aufgerufen, unseren Reformator Martin Luther umfassend neu kennen zu lernen und zu würdigen. Luther ist für uns kein Heiliger. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut mit all seinen gottgeschenkten Begabungen, ebenso mit seinen Schwächen und seinem fehlerhaften Verhalten. Im Lesen seiner Schriften und in seinem Handeln erschließen sich uns wesentliche Grundsätze reformatorischer Theologie ebenso wie der Mensch Martin Luther. Dabei lernen wir auch seine Schattenseiten kennen, so sein Verhältnis zu den Juden in seinen judenfeindlichen Äußerungen. Schon 1983 sprach beispielsweise im Augustinerkloster Frau Prof. Dr. Ellen Flesseman-van Leer über „Luther und die Juden“. Dieses Thema ist in der Reformationsdekade nach wie vor aktuell und verlangt unsere Beachtung, auch in der Gemeindearbeit.

Luthers Fehler, die verhängnisvolle Rezeptions- und Wirkungsgeschichte seiner Judenschriften, schreckliche geschichtliche Ereignisse und der aktuelle Antisemitismus verpflichten uns, unser Verhältnis zur Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen in Respekt und Geschwisterlichkeit zu gestalten. Wir verpflichten uns, diesen Weg mit den älteren Glaubensgeschwistern im Lichte des Ewigen weiter zu gehen.

Die Kreissynode Erfurt stellt folgende Anträge an die Landessynode der EKM:

  1. Die Landessynode der EKM möge in Umsetzung des Auftrages der Verfassung der EKM das Verhältnis zwischen Christen und Juden umfassend würdigen und dazu den Rahmen der Reformationsdekade und das Jahr 2017 mit dem Jubiläum 500 Jahre „Thesenanschlag“ Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg nutzen.
  2. Die Landessynode möge eine öffentliche Verlautbarung beschließen, in der sie sich im Lichte des Evangeliums von Jesus Christus von Luthers judenfeindlichen Äußerungen distanziert und diese als nicht gültig für das Handeln der EKM erklärt.
  3. Die Landessynode möge beschließen, dass Material für die Gemeindearbeit bereitgestellt wird, damit unter dem Thema „Juden und Christen“ über Luthers judenfeindliche Äußerungen und ihre Wirkungen in der Geschichte auf der Basis der aktuellen Forschungslage und vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Tendenzen gearbeitet werden kann.

lutherIn der Beschlussfassung wird nur von menschlichen Fehlern des Reformators gesprochen. Die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen sieht Luthers Judenfeindschaft demgegenüber als Folge seiner ausgesprochen Christus-zentrierten Theologie – und damit nicht einfach als menschliche Schwäche.

Gleichwohl beantragt die Kreissynode die Weiterarbeit am Thema auf der landeskirchlichen Ebene, so dass es Raum und Gelegenheit zu weiterem Nachdenken und zur Debatte geben sollte.

Die Kreissynodalen hatten zuvor Einführungsreferate zum Thema „Christlich-jüdischer Dialog in Erfurt und Thüringen vor und nach der Wende“ von Senior Dr. Matthias Rein, dem früheren Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen (und derzeitigem jüdischen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen), Wolfgang M. Nossen sowie vom jetzigen Vorsitzenden der Landesgemeinde, Prof. Dr. Reinhard Schramm, gehört.

In der anschließenden Aussprache dankte Senior Rein Frau Ilse Neumeister und Pfarrer i.R. Karl Metzner, die als Gäste anwesend waren, für ihr jahrzehntelanges nachhaltiges Engagement für die christlich-jüdische Verständigung in Thüringen.

Rückblick (2): „Luther-Kopie auf dem Anger“

Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum verlegte Aktion am Denkmal um einige Meter

Darüber berichtete ausführlich Birgit Kummer in der Thüringer Allgemeinen vom 11. November:

Luther-KopieEs blieben einige Passanten stehen vor dem großen dicken Luther-Aufsteller auf dem Anger. Der Reformator aus Pappe trug eine Binde über den Augen und eine goldene Schärpe über den Schultern. Um ihn herum: Holzaufsteller mit zahlreichen Plakaten, auf denen Sprüche Luthers prangten und an denen Jahreszahlen hingen wie Packzettel.
Luthers Wirken für die Reformierung der Kirche wollte die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum am Luther-Geburtstag ebenso thematisieren wie seinen Antisemitismus. „Wir wollten die Ambivalenz zeigen“, sagt Pfarrer Ricklef Münnich.

Doch das Denkmal selbst zu nutzen, hatte die Stadt verboten. Gestern Morgen erst trudelte die schriftliche Begründung ein.

Darin hieß es, die vom Arbeitskreis geplante Aktion könne „umgedeutet werden von jenen, die Ausgrenzung Fremder zur Aufrechterhaltung nationaler Identität proklamieren.“
Ordnungsdezernent Alexander Hilge verweist gegenüber unserer Zeitung auf die politisch aufgeheizten Zeiten. Und er hat auch ein Problem damit, dass das Ganze nicht als Kunstaktion, sondern Versammlung angemeldet wurde und damit Nachahmer finden könnte, welcher politischen Couleur auch immer.

Untersagt wurde von der Stadt auch das Ausstellen eines Buchtitels: „Martin Luther: Über die Juden. Weg mit ihnen.“ 1938 herausgegeben von Martin Sasse, Landesbischof der Thüringer Evangelischen Kirche und Nationalsozialist. Dafür habe sich die Kirche nicht entschuldigt, sagt Münnich. „Es ist höchste Zeit, dass sich die Kirche äußert zu ihrer eigenen Geschichte.“ Für ihn selbst habe Luther zwei Seiten. „Er hat den Zugang zur Quelle, zum Wort Gottes, wieder geöffnet. Aber er konnte und wollte nicht verstehen, dass die Liebe Gottes auch dem jüdischen Volk galt.“

Münnich kündigt ein Plakat mit Luther-Worten an. Mit Worten des Hasses einerseits und Worten der Nächstenliebe auf der anderen Seite. Und in jedem Fall mit Stoff zum Nachdenken. Das nämlich wolle man sich auch künftig nicht verbieten lassen. Und man lade ein, sich zu beteiligen.

Von Passanten gab es gestern für die Aktion Pro, aber auch Kontra. Und hie und da die Frage, wieso eigentlich das benachbarte Weimar keine Probleme damit habe, dass die beiden National-Ikonen Goethe und Schiller gelegentlich für Meinungsäußerungen herhalten müssten. „Das ist in der Tat so“, sagt Rathaus-Sprecher Andy Faupel. Das Duo sei sogar mit Holzplatten eingemauert worden – im Rahmen des DNT-Sommertheaters. „Das waren fast alles Kunstaktionen, über die die Kunstkommission der Stadt vorher zu befinden hatte. Sie hat grünes Licht gegeben.“
Foto: Paul-Philipp Braun

Ausführlich zeigte das Blatt, wie Goethe & Schiller auf ihrem Sockel in Weimar immer wieder einmal verwandelt wurden – übrigens gelegentlich auch mit Augenbinden.

Goethe+Schiller in Weimar

Rückblick (1): „Der blinde Luther“

Augenblick mal

Unter diesem Titel ist täglich um 6:20 und 9:20 Uhr bei MDR THÜRINGEN das Wort zum Tag zu hören. In der vergangenen Woche hat es Ralf-Uwe Beck gesprochen.

Am Mittwoch, dem 11.11.2015, nannte er seinen Beitrag „Der blinde Luther“ und ging auf das Luther-Projekt der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum am Erfurter Anger ein:

Lutherdenkmal_5Gestern 10.30 Uhr in Erfurt. Tatort: Luther-Denkmal vor der Kaufmannskirche, ganz in der Nähe vom Kaufhaus Anger 1. Sechs Meter hoch ragt das Denkmal auf: Hälfte Sockel, Hälfte Luther.

Eigentlich sollte dem Luther eine goldene Schärpe umgehängt werden, wegen seines Geburtstages. Und: Ihm sollten die Augen verbunden werden. Sollten. Die Aktion durfte so nicht stattfinden, verboten von der Stadt Erfurt. Die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum waren dennoch vor Ort. Aufmerksam machen will sie auf Luthers Judenhass. Dieser Hass hat ihn blind werden lassen. Weil die Juden sich nicht haben zum christlichen Glauben bekehren lassen, hat er sie aufs Übelste beschimpft und ihre Verfolgung gut geheißen. Später haben sich die Nazis auf Luther berufen und die Neu-Nazis käuen es bis heute wider.

Als Begründung für das Verbot hat die Stadt Erfurt angeführt: Die Würde Luthers würde damit verletzt werden. Ja klar, das Denkmal steht dort, ihm die Ehre zu geben. Wo kämen wir da hin, wenn jeder sein Spielchen treibt! Wo wir da hinkämen? Vielleicht ins Nachdenken. Wie werden wir der Würde Luthers gerecht? Indem wir ihn, der keine Heiligenverehrung wollte, zum Heiligen machen und sein Fehlverhalten ausblenden? Ein gutes Denkmal fordert uns heraus: Denk-mal-nach! Die Binde vor Luthers Augen hätte manchem vielleicht die Augen geöffnet. Nötig haben wir es. Wie auch die Erfurter Bürokraten.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.

Zurzeit ist der Audiobeitrag noch in der Mediathek:

MDR THÜRINGEN – Das Radio
Augenblick mal am 11.11.2015 (Verkündigungssendung)
01:39 min – Anhören

Download MP3 | 1,5 MB

„Die Würde Luthers ist unantastbar”

Blinder_lutherDie Würde Luthers ist unantastbar – so titelte das Online-Magazin Local Times Erfurt, das schon am Nachmittag von der Aktion der „Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen“ zu Luthers Geburtstag am 10. November 2015 am Erfurter Luther-Denkmal  berichtete.

Bereits am Montag, dem 9. November, beschrieb Birgit Kummer in der Erfurter Ausgabe der „Thüringer Allgemeinen“ die Vorgeschichte:

Um eine von der Arbeitsgemeinschaft „Kirche und Judentum“ am heutigen Luther-Geburtstag geplante Veranstaltung am Luther-Denkmal auf dem Anger ist heftiger Streit entbrannt.
Die Initiatoren wollten während der „Aktionswochen gegen Antisemitismus“ die Judenfeindlichkeit Luthers thematisieren. Geplant: eine goldene Schärpe für seine Verdienste, eine Augenbinde für seine Blindheit. Und Plakate drumherum mit einer Auswahl von judenfeindlichen Sprüchen Luthers sowie den Verweis auf Judenverfolgung damals bis heute.
Ricklef Münnich, Sprecher des Arbeitskreises, sagt: „Im Mittelalter trug die Figur der ‚Synagoga‘ eine Augenbinde. Das jüdische Volk repräsentierend, stand sie der stolzen ‚Ecclesia‘, der Kirche, gegenüber. Durch die verbundenen Augen brachten die Christen die ‚Blindheit‘ des Judentums gegenüber Christus zum Ausdruck.“
Nun habe man für wenige Stunden auch Martin Luther an seinem 532. Geburtstag eine Augenbinde umbinden wollen, um seine „Blindheit“ gegenüber den Juden zu zeigen. Denn Luther habe sich den Juden verweigert, sie unflätig beschimpft und die Nationalsozialisten hätten sich darin auch auf Luther berufen.
Doch die Stadtverwaltung verbot die Aktion am Denkmal. „Inhaltlich finden wir die Aktion richtig“, sagt Ordnungsdezernent Alexander Hilge. „Doch das Denkmal als solches darf nicht benutzt werden.“ Das Ganze sei nicht als Kunstaktion, sondern Versammlung angemeldet worden. „Erlauben wir der Kirche, ein städtisches Denkmal als Versammlungsmittel zu nutzen, können das morgen auch andere tun. Auch die NPD oder die AfD.“
Ricklef Münnich kann das nicht verstehen. Auch Gestalter Ulrich Spannaus ist sauer: „Wie kleingeistig ist es, eine Aktion zu verbieten, die mit einem Denkmal des Reformators zum Denken anregen will.“ (…)
Man bleibe dabei, dass man sich heute 10.30 Uhr am Anger am Denkmal treffe. „Wir laden zu einer Veranstaltung über eine Veranstaltung, die nicht stattfinden kann.“

Am frühen Dienstag Morgen traf dann der Bescheid des Erfurter „Bürgeramtes“ ein. In diesem heißt es:

Bescheid Bürgeramt Erfurt 151110
photo_2015-11-10_12-11-01Noch unverständlicher freilich ist die Auflage der Stadtverwaltung, einen Buchtitel von 1938 nicht öffentlich zu zeigen. Es handelt sich um den Band „Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!“, mit dem der damalige Thüringer Landesbischof Martin Sasse gerade zwei Wochen nach der Pogromnacht im November 1938 die judenfeindlichen Schriften des Reformators neu herausgab. Im Vorwort jubelte Bischof Sasse: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen … In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der deutsche Prophet im 16. Jahrhundert … der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“
Im Bescheid wird zu der Darstellung des Buchtitels wie zu einer weiteren einer antisemitischen sog. Schulhof-CD festgestellt:
Das Zeigen der beiden benannten Plakate sind (sic!) geeignet den öffentlichen Frieden zu stören. Das Zeigen der Plakate mit diesen Inhalten kann bei einem unbeteiligten Dritten nicht unbedingt die künstlerische Aktion erkennbar werden lassen, sondern eher ein Verherrlichen des Dritten Reiches.
Am Treffendsten beurteilte die ganze Angelegenheit eigentlich der Berliner „Tagesspiegel“, bei dem sie es am Samstag, dem 7. November, gar auf die Seite 1 der Zeitung gebracht hatte:

Ah ja. Es hätte schlimmer kommen können, denn in Deutschland gibt es in solchen Fällen ein Schreiben mit Stempel und Widerspruchsbelehrung und eben keine Fatwa mit erbost spontanen Riesendemonstrationen auf der halben Welt, das ist schon mal schön. Aber sollte die Würde Luthers nicht doch aushalten, dass man ihn mal mit der schwarzen Seite seiner Macht konfrontiert?

Vermutlich ist die Erfurter Stadtverwaltung auch gar nicht an Luthers Vergangenheit interessiert, sondern hat einfach keine Lust auf heikle Sachen gehabt, von denen sie nichts versteht. Die AG sollte die Augenbinde vielleicht kurz mal ums Rathaus wickeln.

Daher kann eine weitere Kommentierung des Schildbürgerstreiches hier unterbleiben. Nur der Hinweis auf Medienberichterstattungen noch:

Und nun noch ein paar Bilder vom Vormittag am Lutherdenkmal:

Lutherdenkmal_4

Lutherdenkmal_3Lutherdenkmal_2

 

Ministerpräsident Ramelow greift Impuls des Gedenkgottesdienstes auf

„In dieser von Schmerz und Trauer geprägten Stunde legen wir unser demokratisches Bekenntnis ab; wir bekennen:
Gemeinsam wollen wir weiter an einer freiheitlichen, einer inklusiven Gesellschaft arbeiten, in der Flüchtlinge und Zuwanderer respektiert werden. Minderheiten sollen sich bei uns gleichberechtigt entfalten können, ohne dass sie ihre Kultur aufgeben oder ihre Wurzeln leugnen müssen. Dies ist unsere Verantwortung gegenüber der Geschichte. Diese Verantwortung speist sich aus der Erinnerung an die barbarischen Verbrechen, die im Namen unseres Volkes geschehen sind.“

Mit diesen Worten schloss Ministerpräsident Bodo Ramelow sein Grußwort in der Gedenkstunde des Thüringer Landtags zum 27. Januar 2015, 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Dabei nahm er auch Impulse aus dem Ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer des Holocaust am 25.01.2015 im Erfurter Augustinerkloster auf.

Ramelow sagte: „An was können wir uns als Gesellschaft orientieren? Woher können wir Klarheit bekommen für unser heutiges und zukünftiges Handeln?
Ich will ein Beispiel nennen: Besa! Das albanische Wort für „Versprechen“.
Die Bevölkerung dieses kleinen und armen Landes hatte 1934 zweihundert jüdische Bewohner. 1945 wurde die Anzahl der jüdischen Mitmenschen geschätzt auf 1.800.
Jüdische Flüchtlinge vertrieben aus ihrer Heimat durch den deutschen Rassenwahn, bekamen Heimat und Schutz in Albanien.
Besa, das Versprechen, ist bei der muslimischen Bevölkerung ein heiliges Prinzip. Die albanischen Familien, muslimischen Glaubens, haben die jüdischen Flüchtlinge vor der deutschen Vernichtung unter Einsatz des eigenen Lebens beschützt.
Wir müssen durch unser alltägliches Tun beweisen: Die Bürgerinnen und Bürger in Thüringen und Deutschland sind tolerant und weltoffen. Wir sind wachsam gegenüber allen Versuchen, die Grundwerte unserer demokratischen Gesellschaft auszuhöhlen und wir müssen für uns erkennen, was für uns heute Besa bedeutet.“

Auf seiner persönlichen Website fügt er an: „Ich kann nur Danke sagen, für diese klaren Worte, die da am Sonntag im Augustinerkloster gesprochen wurden.“

 

Audio-Beitrag zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust

Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Heute ist der 27. Januar ein internationaler Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Zum Ökumenischen Gedenkgottesdienst im Erfurter Augustinerkloster unter Mitwirkung der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen brachte „Antenne Thüringen“ am Sonntagmorgen (25.01.2015) einen kurzen Beitrag, den Sie hier nachhören können.