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Luthers Judenhass: Der größte Sündenfall

martin_lutherDie Wochenzeitung DIE ZEIT, Nr. 45 vom 5. November 2015, druckt in der Rubrik „Glauben & Zweifeln“ ein Gespräch, das die Ressortleiterin Evelyn Finger mit Teja Begrich, dem Beauftragten für christlich-jüdischen Dialog in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, über Martin Luthers Judenfeindschaft geführt hat:

»Der größte Sündenfall«

Luthers Judenhass hat seine Kirche jahrhundertelang geprägt.
Ein Gespräch mit Pfarrer Teja Begrich über ein aktuelles Papier zur Reformation, das er mitverfasst hat

DIE ZEIT: Herr Begrich, wann haben Sie sich zuletzt so richtig über Martin Luther geärgert?

Teja Begrich: Über seine Texte ärgere ich mich selten, schon eher über die neuesten Luther-Pilgerwege, weil Pilgern mit Luthers Theologie nun mal unvereinbar ist. Er lehnte die Idee ab, gute Werke anzuhäufen, um Vergebung zu erlangen. Ein Landrat im katholischen Eichsfeld wehrte sich deshalb zu Recht dagegen, dass der thüringische Lutherweg durch seinen Landkreis führt.

ZEIT: Sie sind Pfarrer in Mühlhausen und haben jetzt für die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands eine kritische Schrift über Luther und die Juden mitverfasst. War das noch nötig?

Begrich: Allerdings. Wir sind ja hier Luther-Land: Möhra, Eisleben, Mansfeld, Magdeburg, Eisenach, Erfurt, Wittenberg. Aber bisher gab es aus unserer Landeskirche noch kein offizielles Wort des Bedauerns über Luthers Antijudaismus.

ZEIT: Was sind für Sie die schlimmsten Sätze Luthers über die Juden?

Begrich: In den Tagebüchern beschreibt er, wie er am 28. Januar 1546 durch ein Dorf bei Eisleben fährt, wo viele Juden wohnen, und am selben Tag einen Herzanfall erleidet: Daran seien die Juden und ihr Gott schuld. – Luther spricht vom Gott der Juden, als sei der nicht derselbe wie unserer. Schlimm ist in der Schrift Von den Juden und ihren Lügen aus dem Jahr 1543 der Punktekatalog, was man gegen Juden tun solle: ihre Synagogen anzünden und Rabbinern bei Todesstrafe verbieten zu lehren. Der Thüringer Bischof Martin Sasse gab 1938 zum Geburtstag Luthers eine Extraauflage dieser Hassschrift heraus und triumphierte: »Am 10. November brennen in Deutschland die Synagogen. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der der Warner seines Volkes wider die Juden geworden ist.«

ZEIT: Vor einem Jahr veröffentlichte die EKD eine Orientierungshilfe, Die Reformation und die Juden. Darin hieß es, die judenfeindlichen Schriften Luthers seien mit dem Neuen Testament unvereinbar. Reichte Ihnen das nicht?

Begrich: Eine Orientierungshilfe lesen nur bezahlte Theologen und vielleicht noch ein paar Journalisten. Wir wollten als Christen einmal deutlich sagen: Liebe jüdische Gemeinde, es tut uns leid, dass Luthers Judenhass von unserer Kirche so lange akzeptiert wurde. Wir wollten ein Bekenntnis formulieren, das alle verstehen. Nicht akademisch ausgewogen ein abstraktes Thema verhandeln, sondern ein klares und bindendes Wort sprechen: Wir verpflichten uns, jeder Form von Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten! ZEIT: Am 10. November will der Erfurter Pfarrer Ricklef Münnich der Luther-Statue in Erfurt die Augen verbinden. Wird das ein Denkmal-Sturm? Begrich: Nein, das soll ein Symbol sein für Luthers Blindheit. Wer heute als Protestant froh ist über die Erfindung des evangelischen Pfarrhauses und das Gottesgnadentum, der muss sich auch der dunklen Seite Luthers stellen. Schon 1523, in seiner angeblich judenfreundlichen Schrift Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei, wollte er die Juden »zum Christusglauben reizen«. Und als sie seiner Empfehlung nicht folgten, wurde er sauer. Schon 1526 wettert er: Da die Juden Christus nicht annehmen wollten, dürfe man ihnen keine Gnade angedeihen lassen, denn sie stünden auf der Seite des Teufels. Also, die Liebe zum Reformator gibt es für uns nicht wohlfeil.

ZEIT: Nach der Schoah bemühten sich Protestanten wie Katholiken um Versöhnung mit den Überlebenden. 1965 positionierte sich das Zweite Vatikanische Konzil in der Schrift Nostra aetate positiv zum Judentum, evangelische Landeskirchen schrieben in den 1980ern in ihre Verfassung, Israel sei das von Gott erwählte Volk. Warum so spät?

Begrich: Weil die evangelische Theologie bis in unsere Gegenwart lehrte: Die Kirche ist das wahre Israel. Der jüdische Publizist Micha Brumlik hatte recht, als er neulich bei einem Vortrag zum Reformationsjubiläum schimpfte: Ihr habt 2017 überhaupt nichts zu feiern! Der Judenhass hat unsere Kirche wirklich jahrhundertelang geprägt. So wurden Luthers Judenschriften auch in Mühlhausen, wo ich Pfarrer bin, für Vertreibungen benutzt. Am 18. Februar 1701 forderten Mühlhäuser Bürger ihren Stadtrat auf, die Juden auszuweisen, und beriefen sich dabei auf Luther.

ZEIT: Bitte ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert!

Begrich: In Eisenach gab es seit 1939 ein Institut, das ein »entjudetes« Neues Testament und ein »entjudetes« Gesangbuch herausgab. Der Institutschef hieß Walter Grundmann und bildete nach 1945 weiter Katecheten und Diakone aus. Grundmann wird bis heute verlegt, und sein Buch zum Urchristentum steht in zwei Dritteln der evangelischen Pfarrhäuser im Osten. Luthers Judenfeindschaft hat auch dazu geführt, dass das Alte Testament bis heute in unserer Theologie marginalisiert wird. Die ausschließliche Fixierung auf Christus engt aber ein und ist nicht die ganze Wahrheit.

ZEIT: Sie selber kommen aus einer alten mitteldeutschen Pfarrersfamilie, sind in achter Generation Pfarrer, ihr Vater setzte sich schon in der DDR für den Dialog mit dem Judentum ein. Warum?

Begrich: Mein Vater und meine Mutter wollten klarmachen, dass das Christentum nicht aus sich selbst heraus existiert, sondern eine Geschichte hat. So vermittelten sie es auch uns Kindern. Mein Universitätslehrer Peter von der Osten-Sacken eröffnete mir dann den Reichtum der jüdischen Schriftauslegung: dass andere die Schrift anders lesen – und man dieses Andere kennen muss. Ich hatte allerdings schon vor dem Studium beim Vater Hebräisch gelernt. Bis heute übersetze ich gern die Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen, weil mir dann immer Neues auffällt.

ZEIT: Trifft Ihre Luther-Kritik auf Widerstand?

Begrich: Letztens habe ich in Möhra, dem Geburtsort von Luthers Vater, über die Judenschriften gepredigt – da waren die Leute beleidigt. Umso deutlicher muss man ihnen sagen: Der größte Sündenfall unserer Kirche ist ihr Antijudaismus.

ZEIT_2015_45_00062_thumbDer Beitrag aus der ZEIT ist im Original hier zu lesen:

In dem erwähnten Positionspapier des Beirates für christlich-jüdischen Dialog der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland heißt es unter anderem:

»Wir bekennen Schuld und Versagen in unseren Kirchen dort, wo die Judenfeindschaft Martin Luthers bis in die jüngste Zeit tradiert wurde, als sei sie Teil des Evangeliums.«

»Wir verpflichten uns, das religiöse Selbstverständnis des Judentums zu achten und zu
dessen Kenntnis beizutragen.«

»Die Schriften der Hebräischen Bibel sind Heilige Schrift der Juden wie der Christen.«

»Wir haben erkannt, dass der christlich-jüdische Dialog zu unserem Auftrag gehört. Wir hoffen trotz der Schuld unserer Kirche auf vertrauensvolle Begegnungen.«

Das Lutherprojekt (1)

Im Mittelalter trug die Figur der synagoga eine Augenbinde. Das jüdische Volk repräsentierend stand sie der stolzen ecclesia, der Kirche, gegenüber. Am Erfurter Dom wie auch zum Beispiel in Straßburg oder Bamberg sind die beiden zu sehen. Durch die verbundenen Augen brachten die Christen die „Blindheit“ des Judentums gegenüber Christus, ihrem Herrn, zum Ausdruck.

An seinem 532. Geburtstag trägt Martin Luther – auf dem Denkmalpodest am Erfurter Anger stehend – ebenfalls eine Augenbinde. Sie ist Ausdruck seiner „Blindheit“ gegenüber den Juden. Luther konnte und wollte nicht sehen, wie Juden sich verstehen.
Dass sie mit der Tora, den Geboten, Gott dienen, so wie Christen ihm dienen durch Gottes Wort in Jesus Christus – das mochte er nicht gelten lassen.
Entwurf Lutherdenkmal 2
Ein goldene Schärpe trägt der Reformator der Kirche an seinem Geburtstag. Denn er hat die Kirche zurückgeführt zu ihre Quelle, zu Gottes Wort in der Bibel. Aber zugleich ist er mit Blindheit und Unverständnis geschlagen. Dass Israel, das jüdische Volk, von Gott geliebt ist, wie ebenso in der Bibel Alten wie Neuen Testaments zu lesen ist – Martin Luther hat es nicht glauben wollen.
Ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen
zu 500 Jahre Reformation
am Anger Erfurt:

10. November 2015, von 10.30 Uhr bis 17.30 Uhr.

Judenfeindliche Übersetzung in Luthers Bibel wird korrigiert

BibelNach gut 30 Jahren erscheint 2017 wieder eine neue Version der Lutherübersetzung. Wissenschaftler und Theologen haben in den vergangenen fünf Jahren die bisherige Fassung an tausenden von Stellen überarbeitet. Nach Jahrzehnten der „Modernisierung“ der Sprache wurde jetzt eine Übersetzung erstellt, die der Sprache des Reformators die Treue hält.

Luther habe sich „mit großer Kenntnis und Gründlichkeit um Treue zu den Originaltexten bemüht“, und deshalb kehre man „nun des Öfteren auf der Basis heutiger wissenschaftlicher Quelleninterpretation zu Luthers Übersetzungen zurück, weil wir merken, dass er das Richtige traf“ – so Altbischof Prof. Dr. Christoph Kähler, der den Lenkungsausschuss leitet, der im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland die neue Durchsicht der Lutherbibel koordiniert.

Das gilt sogar bei einem Thema, wo die Theologie heute strikt auf Distanz zu Luther achtet, beim Verhältnis zu den Juden. Im zweiten Kapitel der Offenbarung geht es um üble Leute, die sich als Juden ausgeben, es aber nicht sind. Da stand 1545 bei Luther: „Sie sind Jüden / und sind’s nicht / sondern sind des Satans schule.“

Daraus wurde 1984 extrem antijudaistisch, jene Leute seien „die Synagoge des Satans“. Jetzt aber kommen die Exegeten zu dem Schluss, dass die Synagoge nicht gemeint war. Daher sei Luthers neutralere Übersetzung angemessener. 2017 wird die „Synagoge“ gestrichen. An ihre Stelle tritt die „Versammlung“ des Satans statt der sprachlich kühnen „Schule“ von Luther.