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Im „Entjudungsinstitut“ strichen die NS-Protestanten das Alte Testament

Das Lutherhaus in Eisenach dokumentiert den Judenhass des Reformators und die Mühen von NS-Protestanten, Juden aus der Bibel zu tilgen.

Die Süddeutsche Zeitung stellt in ihrer Online-Ausgabe die neu eröffnete Ausstellung in der Wartburgstadt vor. Rudolf Neumeier schreibt:

Foto: bbsMEDIEN - Anna-Lena Thamm

Foto: bbsMEDIEN – Anna-Lena Thamm

Die evangelische Kirche in Deutschland hat sich in der vergangenen Woche von Martin Luthers Judenfeindlichkeit distanziert. Die Meldung klang etwas skurril. Der Reformator Luther wirkte vor 500 Jahren. Die deutschen Protestanten brauchten also ein halbes Jahrtausend, um Luthers dumpfe Seite wahrzunehmen. Sie sprechen „hinsichtlich des Versagens der Kirchen gegenüber dem Judentum“ von einem Lernprozess, der nach 1945 eingesetzt habe.

Ein ziemlich zäher Prozess, denn er dauert nun auch schon wieder zwei Generationen. Andererseits: Es lässt sich als Lernerfolg verbuchen, dass die Protestanten nicht weitere 500 Jahre brauchen, um sich ihrer antisemitischen Vergangenheit im Nationalsozialismus zu stellen.

Das wiedereröffnete Lutherhaus in Eisenach schreitet voran: Es geht offensiv mit jener evangelischen Theologie um, die sich mit Aberwitz und Leidenschaft dafür einsetzte, den protestantischen Glauben an Hitler anzupassen.

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Erfurter Kreissynode lehnt Luthers Haltung zu den Juden ab

Die Synodalen des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt verabschiedeten im Verlauf der 5. Tagung der XVI. Kreissynode am 14. November 2015 im Augustinerkloster eine

Ablehnung der Haltung Luthers zu den Juden 
im Licht des Evangeliums von Jesus Christus

Der Beschlusstext lautet:

Thüringen ist ein Mutterland der Reformation. Für Christen sind die Lutherstätten Orte der Vergewisserung und der Vertiefung des Glaubensverständnisses. So denken wir in Erfurt an den Lutherstein bei Stotternheim, an das Augustinerkloster, die Michaeliskirche, die Kaufmannskirche, die Andreaskirche, die Barfüßerkirche und den Dom.

Dankbar erinnern wir uns etwa an die Veranstaltungsreihen im Lutherjahr 1983 im Erfurter Augustinerkloster. Die gegenwärtige Reformationsdekade bringt mit ihren Jahresthemen vielfältige Impulse für die Gemeindearbeit hervor.

Wir sind aufgerufen, unseren Reformator Martin Luther umfassend neu kennen zu lernen und zu würdigen. Luther ist für uns kein Heiliger. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut mit all seinen gottgeschenkten Begabungen, ebenso mit seinen Schwächen und seinem fehlerhaften Verhalten. Im Lesen seiner Schriften und in seinem Handeln erschließen sich uns wesentliche Grundsätze reformatorischer Theologie ebenso wie der Mensch Martin Luther. Dabei lernen wir auch seine Schattenseiten kennen, so sein Verhältnis zu den Juden in seinen judenfeindlichen Äußerungen. Schon 1983 sprach beispielsweise im Augustinerkloster Frau Prof. Dr. Ellen Flesseman-van Leer über „Luther und die Juden“. Dieses Thema ist in der Reformationsdekade nach wie vor aktuell und verlangt unsere Beachtung, auch in der Gemeindearbeit.

Luthers Fehler, die verhängnisvolle Rezeptions- und Wirkungsgeschichte seiner Judenschriften, schreckliche geschichtliche Ereignisse und der aktuelle Antisemitismus verpflichten uns, unser Verhältnis zur Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen in Respekt und Geschwisterlichkeit zu gestalten. Wir verpflichten uns, diesen Weg mit den älteren Glaubensgeschwistern im Lichte des Ewigen weiter zu gehen.

Die Kreissynode Erfurt stellt folgende Anträge an die Landessynode der EKM:

  1. Die Landessynode der EKM möge in Umsetzung des Auftrages der Verfassung der EKM das Verhältnis zwischen Christen und Juden umfassend würdigen und dazu den Rahmen der Reformationsdekade und das Jahr 2017 mit dem Jubiläum 500 Jahre „Thesenanschlag“ Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg nutzen.
  2. Die Landessynode möge eine öffentliche Verlautbarung beschließen, in der sie sich im Lichte des Evangeliums von Jesus Christus von Luthers judenfeindlichen Äußerungen distanziert und diese als nicht gültig für das Handeln der EKM erklärt.
  3. Die Landessynode möge beschließen, dass Material für die Gemeindearbeit bereitgestellt wird, damit unter dem Thema „Juden und Christen“ über Luthers judenfeindliche Äußerungen und ihre Wirkungen in der Geschichte auf der Basis der aktuellen Forschungslage und vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Tendenzen gearbeitet werden kann.

lutherIn der Beschlussfassung wird nur von menschlichen Fehlern des Reformators gesprochen. Die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen sieht Luthers Judenfeindschaft demgegenüber als Folge seiner ausgesprochen Christus-zentrierten Theologie – und damit nicht einfach als menschliche Schwäche.

Gleichwohl beantragt die Kreissynode die Weiterarbeit am Thema auf der landeskirchlichen Ebene, so dass es Raum und Gelegenheit zu weiterem Nachdenken und zur Debatte geben sollte.

Die Kreissynodalen hatten zuvor Einführungsreferate zum Thema „Christlich-jüdischer Dialog in Erfurt und Thüringen vor und nach der Wende“ von Senior Dr. Matthias Rein, dem früheren Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen (und derzeitigem jüdischen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen), Wolfgang M. Nossen sowie vom jetzigen Vorsitzenden der Landesgemeinde, Prof. Dr. Reinhard Schramm, gehört.

In der anschließenden Aussprache dankte Senior Rein Frau Ilse Neumeister und Pfarrer i.R. Karl Metzner, die als Gäste anwesend waren, für ihr jahrzehntelanges nachhaltiges Engagement für die christlich-jüdische Verständigung in Thüringen.

Rückblick (2): „Luther-Kopie auf dem Anger“

Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum verlegte Aktion am Denkmal um einige Meter

Darüber berichtete ausführlich Birgit Kummer in der Thüringer Allgemeinen vom 11. November:

Luther-KopieEs blieben einige Passanten stehen vor dem großen dicken Luther-Aufsteller auf dem Anger. Der Reformator aus Pappe trug eine Binde über den Augen und eine goldene Schärpe über den Schultern. Um ihn herum: Holzaufsteller mit zahlreichen Plakaten, auf denen Sprüche Luthers prangten und an denen Jahreszahlen hingen wie Packzettel.
Luthers Wirken für die Reformierung der Kirche wollte die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum am Luther-Geburtstag ebenso thematisieren wie seinen Antisemitismus. „Wir wollten die Ambivalenz zeigen“, sagt Pfarrer Ricklef Münnich.

Doch das Denkmal selbst zu nutzen, hatte die Stadt verboten. Gestern Morgen erst trudelte die schriftliche Begründung ein.

Darin hieß es, die vom Arbeitskreis geplante Aktion könne „umgedeutet werden von jenen, die Ausgrenzung Fremder zur Aufrechterhaltung nationaler Identität proklamieren.“
Ordnungsdezernent Alexander Hilge verweist gegenüber unserer Zeitung auf die politisch aufgeheizten Zeiten. Und er hat auch ein Problem damit, dass das Ganze nicht als Kunstaktion, sondern Versammlung angemeldet wurde und damit Nachahmer finden könnte, welcher politischen Couleur auch immer.

Untersagt wurde von der Stadt auch das Ausstellen eines Buchtitels: „Martin Luther: Über die Juden. Weg mit ihnen.“ 1938 herausgegeben von Martin Sasse, Landesbischof der Thüringer Evangelischen Kirche und Nationalsozialist. Dafür habe sich die Kirche nicht entschuldigt, sagt Münnich. „Es ist höchste Zeit, dass sich die Kirche äußert zu ihrer eigenen Geschichte.“ Für ihn selbst habe Luther zwei Seiten. „Er hat den Zugang zur Quelle, zum Wort Gottes, wieder geöffnet. Aber er konnte und wollte nicht verstehen, dass die Liebe Gottes auch dem jüdischen Volk galt.“

Münnich kündigt ein Plakat mit Luther-Worten an. Mit Worten des Hasses einerseits und Worten der Nächstenliebe auf der anderen Seite. Und in jedem Fall mit Stoff zum Nachdenken. Das nämlich wolle man sich auch künftig nicht verbieten lassen. Und man lade ein, sich zu beteiligen.

Von Passanten gab es gestern für die Aktion Pro, aber auch Kontra. Und hie und da die Frage, wieso eigentlich das benachbarte Weimar keine Probleme damit habe, dass die beiden National-Ikonen Goethe und Schiller gelegentlich für Meinungsäußerungen herhalten müssten. „Das ist in der Tat so“, sagt Rathaus-Sprecher Andy Faupel. Das Duo sei sogar mit Holzplatten eingemauert worden – im Rahmen des DNT-Sommertheaters. „Das waren fast alles Kunstaktionen, über die die Kunstkommission der Stadt vorher zu befinden hatte. Sie hat grünes Licht gegeben.“
Foto: Paul-Philipp Braun

Ausführlich zeigte das Blatt, wie Goethe & Schiller auf ihrem Sockel in Weimar immer wieder einmal verwandelt wurden – übrigens gelegentlich auch mit Augenbinden.

Goethe+Schiller in Weimar

Rückblick (1): „Der blinde Luther“

Augenblick mal

Unter diesem Titel ist täglich um 6:20 und 9:20 Uhr bei MDR THÜRINGEN das Wort zum Tag zu hören. In der vergangenen Woche hat es Ralf-Uwe Beck gesprochen.

Am Mittwoch, dem 11.11.2015, nannte er seinen Beitrag „Der blinde Luther“ und ging auf das Luther-Projekt der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum am Erfurter Anger ein:

Lutherdenkmal_5Gestern 10.30 Uhr in Erfurt. Tatort: Luther-Denkmal vor der Kaufmannskirche, ganz in der Nähe vom Kaufhaus Anger 1. Sechs Meter hoch ragt das Denkmal auf: Hälfte Sockel, Hälfte Luther.

Eigentlich sollte dem Luther eine goldene Schärpe umgehängt werden, wegen seines Geburtstages. Und: Ihm sollten die Augen verbunden werden. Sollten. Die Aktion durfte so nicht stattfinden, verboten von der Stadt Erfurt. Die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum waren dennoch vor Ort. Aufmerksam machen will sie auf Luthers Judenhass. Dieser Hass hat ihn blind werden lassen. Weil die Juden sich nicht haben zum christlichen Glauben bekehren lassen, hat er sie aufs Übelste beschimpft und ihre Verfolgung gut geheißen. Später haben sich die Nazis auf Luther berufen und die Neu-Nazis käuen es bis heute wider.

Als Begründung für das Verbot hat die Stadt Erfurt angeführt: Die Würde Luthers würde damit verletzt werden. Ja klar, das Denkmal steht dort, ihm die Ehre zu geben. Wo kämen wir da hin, wenn jeder sein Spielchen treibt! Wo wir da hinkämen? Vielleicht ins Nachdenken. Wie werden wir der Würde Luthers gerecht? Indem wir ihn, der keine Heiligenverehrung wollte, zum Heiligen machen und sein Fehlverhalten ausblenden? Ein gutes Denkmal fordert uns heraus: Denk-mal-nach! Die Binde vor Luthers Augen hätte manchem vielleicht die Augen geöffnet. Nötig haben wir es. Wie auch die Erfurter Bürokraten.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.

Zurzeit ist der Audiobeitrag noch in der Mediathek:

MDR THÜRINGEN – Das Radio
Augenblick mal am 11.11.2015 (Verkündigungssendung)
01:39 min – Anhören

Download MP3 | 1,5 MB

Luthers Judenhass: Der größte Sündenfall

martin_lutherDie Wochenzeitung DIE ZEIT, Nr. 45 vom 5. November 2015, druckt in der Rubrik „Glauben & Zweifeln“ ein Gespräch, das die Ressortleiterin Evelyn Finger mit Teja Begrich, dem Beauftragten für christlich-jüdischen Dialog in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, über Martin Luthers Judenfeindschaft geführt hat:

»Der größte Sündenfall«

Luthers Judenhass hat seine Kirche jahrhundertelang geprägt.
Ein Gespräch mit Pfarrer Teja Begrich über ein aktuelles Papier zur Reformation, das er mitverfasst hat

DIE ZEIT: Herr Begrich, wann haben Sie sich zuletzt so richtig über Martin Luther geärgert?

Teja Begrich: Über seine Texte ärgere ich mich selten, schon eher über die neuesten Luther-Pilgerwege, weil Pilgern mit Luthers Theologie nun mal unvereinbar ist. Er lehnte die Idee ab, gute Werke anzuhäufen, um Vergebung zu erlangen. Ein Landrat im katholischen Eichsfeld wehrte sich deshalb zu Recht dagegen, dass der thüringische Lutherweg durch seinen Landkreis führt.

ZEIT: Sie sind Pfarrer in Mühlhausen und haben jetzt für die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands eine kritische Schrift über Luther und die Juden mitverfasst. War das noch nötig?

Begrich: Allerdings. Wir sind ja hier Luther-Land: Möhra, Eisleben, Mansfeld, Magdeburg, Eisenach, Erfurt, Wittenberg. Aber bisher gab es aus unserer Landeskirche noch kein offizielles Wort des Bedauerns über Luthers Antijudaismus.

ZEIT: Was sind für Sie die schlimmsten Sätze Luthers über die Juden?

Begrich: In den Tagebüchern beschreibt er, wie er am 28. Januar 1546 durch ein Dorf bei Eisleben fährt, wo viele Juden wohnen, und am selben Tag einen Herzanfall erleidet: Daran seien die Juden und ihr Gott schuld. – Luther spricht vom Gott der Juden, als sei der nicht derselbe wie unserer. Schlimm ist in der Schrift Von den Juden und ihren Lügen aus dem Jahr 1543 der Punktekatalog, was man gegen Juden tun solle: ihre Synagogen anzünden und Rabbinern bei Todesstrafe verbieten zu lehren. Der Thüringer Bischof Martin Sasse gab 1938 zum Geburtstag Luthers eine Extraauflage dieser Hassschrift heraus und triumphierte: »Am 10. November brennen in Deutschland die Synagogen. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der der Warner seines Volkes wider die Juden geworden ist.«

ZEIT: Vor einem Jahr veröffentlichte die EKD eine Orientierungshilfe, Die Reformation und die Juden. Darin hieß es, die judenfeindlichen Schriften Luthers seien mit dem Neuen Testament unvereinbar. Reichte Ihnen das nicht?

Begrich: Eine Orientierungshilfe lesen nur bezahlte Theologen und vielleicht noch ein paar Journalisten. Wir wollten als Christen einmal deutlich sagen: Liebe jüdische Gemeinde, es tut uns leid, dass Luthers Judenhass von unserer Kirche so lange akzeptiert wurde. Wir wollten ein Bekenntnis formulieren, das alle verstehen. Nicht akademisch ausgewogen ein abstraktes Thema verhandeln, sondern ein klares und bindendes Wort sprechen: Wir verpflichten uns, jeder Form von Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten! ZEIT: Am 10. November will der Erfurter Pfarrer Ricklef Münnich der Luther-Statue in Erfurt die Augen verbinden. Wird das ein Denkmal-Sturm? Begrich: Nein, das soll ein Symbol sein für Luthers Blindheit. Wer heute als Protestant froh ist über die Erfindung des evangelischen Pfarrhauses und das Gottesgnadentum, der muss sich auch der dunklen Seite Luthers stellen. Schon 1523, in seiner angeblich judenfreundlichen Schrift Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei, wollte er die Juden »zum Christusglauben reizen«. Und als sie seiner Empfehlung nicht folgten, wurde er sauer. Schon 1526 wettert er: Da die Juden Christus nicht annehmen wollten, dürfe man ihnen keine Gnade angedeihen lassen, denn sie stünden auf der Seite des Teufels. Also, die Liebe zum Reformator gibt es für uns nicht wohlfeil.

ZEIT: Nach der Schoah bemühten sich Protestanten wie Katholiken um Versöhnung mit den Überlebenden. 1965 positionierte sich das Zweite Vatikanische Konzil in der Schrift Nostra aetate positiv zum Judentum, evangelische Landeskirchen schrieben in den 1980ern in ihre Verfassung, Israel sei das von Gott erwählte Volk. Warum so spät?

Begrich: Weil die evangelische Theologie bis in unsere Gegenwart lehrte: Die Kirche ist das wahre Israel. Der jüdische Publizist Micha Brumlik hatte recht, als er neulich bei einem Vortrag zum Reformationsjubiläum schimpfte: Ihr habt 2017 überhaupt nichts zu feiern! Der Judenhass hat unsere Kirche wirklich jahrhundertelang geprägt. So wurden Luthers Judenschriften auch in Mühlhausen, wo ich Pfarrer bin, für Vertreibungen benutzt. Am 18. Februar 1701 forderten Mühlhäuser Bürger ihren Stadtrat auf, die Juden auszuweisen, und beriefen sich dabei auf Luther.

ZEIT: Bitte ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert!

Begrich: In Eisenach gab es seit 1939 ein Institut, das ein »entjudetes« Neues Testament und ein »entjudetes« Gesangbuch herausgab. Der Institutschef hieß Walter Grundmann und bildete nach 1945 weiter Katecheten und Diakone aus. Grundmann wird bis heute verlegt, und sein Buch zum Urchristentum steht in zwei Dritteln der evangelischen Pfarrhäuser im Osten. Luthers Judenfeindschaft hat auch dazu geführt, dass das Alte Testament bis heute in unserer Theologie marginalisiert wird. Die ausschließliche Fixierung auf Christus engt aber ein und ist nicht die ganze Wahrheit.

ZEIT: Sie selber kommen aus einer alten mitteldeutschen Pfarrersfamilie, sind in achter Generation Pfarrer, ihr Vater setzte sich schon in der DDR für den Dialog mit dem Judentum ein. Warum?

Begrich: Mein Vater und meine Mutter wollten klarmachen, dass das Christentum nicht aus sich selbst heraus existiert, sondern eine Geschichte hat. So vermittelten sie es auch uns Kindern. Mein Universitätslehrer Peter von der Osten-Sacken eröffnete mir dann den Reichtum der jüdischen Schriftauslegung: dass andere die Schrift anders lesen – und man dieses Andere kennen muss. Ich hatte allerdings schon vor dem Studium beim Vater Hebräisch gelernt. Bis heute übersetze ich gern die Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen, weil mir dann immer Neues auffällt.

ZEIT: Trifft Ihre Luther-Kritik auf Widerstand?

Begrich: Letztens habe ich in Möhra, dem Geburtsort von Luthers Vater, über die Judenschriften gepredigt – da waren die Leute beleidigt. Umso deutlicher muss man ihnen sagen: Der größte Sündenfall unserer Kirche ist ihr Antijudaismus.

ZEIT_2015_45_00062_thumbDer Beitrag aus der ZEIT ist im Original hier zu lesen:

In dem erwähnten Positionspapier des Beirates für christlich-jüdischen Dialog der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland heißt es unter anderem:

»Wir bekennen Schuld und Versagen in unseren Kirchen dort, wo die Judenfeindschaft Martin Luthers bis in die jüngste Zeit tradiert wurde, als sei sie Teil des Evangeliums.«

»Wir verpflichten uns, das religiöse Selbstverständnis des Judentums zu achten und zu
dessen Kenntnis beizutragen.«

»Die Schriften der Hebräischen Bibel sind Heilige Schrift der Juden wie der Christen.«

»Wir haben erkannt, dass der christlich-jüdische Dialog zu unserem Auftrag gehört. Wir hoffen trotz der Schuld unserer Kirche auf vertrauensvolle Begegnungen.«

Das Lutherprojekt (1)

Im Mittelalter trug die Figur der synagoga eine Augenbinde. Das jüdische Volk repräsentierend stand sie der stolzen ecclesia, der Kirche, gegenüber. Am Erfurter Dom wie auch zum Beispiel in Straßburg oder Bamberg sind die beiden zu sehen. Durch die verbundenen Augen brachten die Christen die „Blindheit“ des Judentums gegenüber Christus, ihrem Herrn, zum Ausdruck.

An seinem 532. Geburtstag trägt Martin Luther – auf dem Denkmalpodest am Erfurter Anger stehend – ebenfalls eine Augenbinde. Sie ist Ausdruck seiner „Blindheit“ gegenüber den Juden. Luther konnte und wollte nicht sehen, wie Juden sich verstehen.
Dass sie mit der Tora, den Geboten, Gott dienen, so wie Christen ihm dienen durch Gottes Wort in Jesus Christus – das mochte er nicht gelten lassen.
Entwurf Lutherdenkmal 2
Ein goldene Schärpe trägt der Reformator der Kirche an seinem Geburtstag. Denn er hat die Kirche zurückgeführt zu ihre Quelle, zu Gottes Wort in der Bibel. Aber zugleich ist er mit Blindheit und Unverständnis geschlagen. Dass Israel, das jüdische Volk, von Gott geliebt ist, wie ebenso in der Bibel Alten wie Neuen Testaments zu lesen ist – Martin Luther hat es nicht glauben wollen.
Ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen
zu 500 Jahre Reformation
am Anger Erfurt:

10. November 2015, von 10.30 Uhr bis 17.30 Uhr.

Ausstellung „Martin Luther und die Juden“ in Erfurter Michaeliskirche

„Ertragen können wir sie nicht“

Ausstellung zu „Martin Luther und die Juden“
in der Erfurter Michaeliskirche
vom 16.10. – 10.11.2015

ertragen_können_wir_sie_nichtIm Jahr 2017 begehen die evangelischen Kirchen weltweit das 500. Jubiläum der Reformation. Viele Worte Martin Luthers sind bleibend aktuell. Zum Umgang mit den „Anderen“ forderte der Reformator: „Nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort“ solle ein Christ geistliche, theologische, religiöse Auseinandersetzungen führen. Was für eine wichtige Erinnerung!

Umso erschreckender ist es, zu erfahren, wie sich der Reformator selbst gegenüber Juden verhalten und artikuliert hat. So lesen sich seine sieben „Empfehlungen“ zum Umgang mit ihnen, die er in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ abgibt, wie eine Anstiftung zum Pogrom. Zum Ende seines Lebens fordert Luther geradezu zur Gewaltanwendung auf und benutzt eine derart unflätige Sprache, dass selbst Zeitgenossen entsetzt sind ob solcher „schmutzigen Ausfälle“ gegen das Judentum.

Die Ausstellung „Ertragen können wir sie nicht – Martin Luther und die Juden“ will daher zu einer notwendigen Auseinandersetzung mit Luthers Judenfeindschaft anregen.

Sie wurde erarbeitet vom Referat für Christlich-Jüdischen Dialog der Nordkirche und ist vom 16. Oktober bis zum 10. November in der Erfurter Michaeliskirche zu sehen – Montag bis Samstag von 11 bis 16 Uhr – Eintritt frei!

Zur Ausstellung ist ein 56-seitiges Begleitheft erschienen und zu erwerben.

Nebenstehendes Plakat zum Download hier.Plakat Web Ausstellung Martin Luther und die Juden

Judenfeindliche Übersetzung in Luthers Bibel wird korrigiert

BibelNach gut 30 Jahren erscheint 2017 wieder eine neue Version der Lutherübersetzung. Wissenschaftler und Theologen haben in den vergangenen fünf Jahren die bisherige Fassung an tausenden von Stellen überarbeitet. Nach Jahrzehnten der „Modernisierung“ der Sprache wurde jetzt eine Übersetzung erstellt, die der Sprache des Reformators die Treue hält.

Luther habe sich „mit großer Kenntnis und Gründlichkeit um Treue zu den Originaltexten bemüht“, und deshalb kehre man „nun des Öfteren auf der Basis heutiger wissenschaftlicher Quelleninterpretation zu Luthers Übersetzungen zurück, weil wir merken, dass er das Richtige traf“ – so Altbischof Prof. Dr. Christoph Kähler, der den Lenkungsausschuss leitet, der im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland die neue Durchsicht der Lutherbibel koordiniert.

Das gilt sogar bei einem Thema, wo die Theologie heute strikt auf Distanz zu Luther achtet, beim Verhältnis zu den Juden. Im zweiten Kapitel der Offenbarung geht es um üble Leute, die sich als Juden ausgeben, es aber nicht sind. Da stand 1545 bei Luther: „Sie sind Jüden / und sind’s nicht / sondern sind des Satans schule.“

Daraus wurde 1984 extrem antijudaistisch, jene Leute seien „die Synagoge des Satans“. Jetzt aber kommen die Exegeten zu dem Schluss, dass die Synagoge nicht gemeint war. Daher sei Luthers neutralere Übersetzung angemessener. 2017 wird die „Synagoge“ gestrichen. An ihre Stelle tritt die „Versammlung“ des Satans statt der sprachlich kühnen „Schule“ von Luther.

Martin Luther und die Juden. Internationale Tagung

Martin Luther und die JudenMartin Luther und die Juden

Internationale Tagung
4. – 6. Oktober 2015

 

 

Evangelische Akademie Loccum
Münchehäger Straße 6, 31547 Rehburg-Loccum


Der reformatorische Impuls enthält die Bereitschaft zur Selbstkritik. Sich mit Blick auf die Wirkungen Martin Luthers dankbar zu erinnern, kann nicht an den dunklen Seiten der deutschen Reformation im 16. Jahrhundert vorbeisehen.

Das gilt insbesondere für den erschütternden Antijudaismus vor allem in den Spätschriften des Reformators. Die Tagung setzt sich mit dem antijüdischen Erbe der Reformation in historischer und theologischer Perspektive auseinander und fragt nach einem angemessenen Umgang mit dieser Hypothek im Kontext des 500jährigen Reformations jubiläums. Mit Beiträgen aus den USA und Skandinavien kommen dabei auch Erfahrungen aus anderen Ländern zu Wort. Im Zuge einer kritischen Lutherrezeption insbesondere im Hinblick auf die antijüdischen Schriften des Reformators ist mit Blick auf das Reformationsjubiläum eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Schriftgut und dessen Rezeption notwendig. Diesem Ziel soll eine internationale Konferenz vom 4. bis 6. Oktober in Loccum dienen.

Dazu laden ein:
Ralf Meister,
Landesbischof der Ev.-luth. Landeskirche Hannover
Pfarrer Friedhelm Pieper,
Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates (DKR)
Dr. Stephan Schaede,
Akademiedirektor 
Rudolf W. Sirsch, Generalsekretär des DKR


Genaues Programm, Kosten und Anmeldung siehe:

Faltblatt Martin Luther und die Juden