Blickpunkt Jerusalem: „Von der Not über Jerusalem zu singen“

Jerusalem, du hochgebaute Stadt

„Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ wurde zuerst im Erfurter Gesangbuch von 1663 gedruckt.

Die evangelische Wochenzeitung „Glaube und Heimat“ veröffentlicht in ihrer Ausgabe Nr. 31 zum 10. Sonntag nach Trinitatis am 5. August 2018 einen Ausschnitt aus dem Vortrag, den Pfarrer Teja Begrich (Mühlhausen) in der Reihe „Blickpunkt Jerusalem“, die unsere Arbeitsgemeinschaft zusammen mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen veranstaltet, am 20. Juni 2018 gehalten hat.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis wird in den evangelischen Kirchen „Israelsonntag“ genannt. Daher betrachten wir in einem eigenen Beitrag, wie die Kirchenzeitung der mitteldeutschen Kirchen auf diesen besonderen Tag eingeht.

Hier aber dokumentieren wir zunächst Teja Begrichs Beitrag.

(Ricklef Münnich)

Von der Not über Jerusalem zu singen

Jerusalem ist in aller Munde. Nicht nur bei den Radsportfans, die im Mai den Prolog des Giro d’Italia inmitten Jerusalems verfolgten, auch Präsident Trump gab sich alle Mühe, dass Jerusalem in den vergangenen Monaten nicht in Vergessenheit geriet. Das Evangelische Gesangbuch macht es etwas subtiler. Auch dort wird Jerusalem im Munde geführt, zwar nur in sehr wenigen, jedoch ausgesprochen ausgesuchten Liedern. Entgegen der vermutlichen Annahme nämlich, kommt Jerusalem im Gesangbuch ausgesprochen selten vor: Ganze sieben Lieder inmitten von Hunderten. Und verteilt über das Kirchenjahr sind sie nicht; vielmehr stehen sie komprimiert an Anfang und am Ende.

Natürlich »Tochter Zion« im Advent mit seiner populären Melodie, der sich weder »Boney M.« noch »Ton Steine Scherben« entziehen konnten, und das selten bis nie gesungene Adventslied »Dein König kommt in niedern Hüllen«. Dann haben wir ein ganzes Jahr Pause. Erst am Ewigkeitssonntag treffen wir wieder auf Jerusalem, dafür aber in drei von acht möglichen Liedern für diesen Sonntag. Und natürlich im schönsten aller Lieder zur Ewigkeit: »Wachet auf, ruft uns die Stimme«.

Zu Weihnachten, zur Passion und Ostern kommen wir ohne Jerusalem aus. Weihnachten ist ja noch verständlich: Wer braucht im Stall von Bethlehem schon Jerusalem! Aber Ostern und die Passion? Entspricht dieses Fehlen der Bedeutung Jerusalems im Protestantismus? Oder liegt es eher daran, wie der Protestantismus ganz allgemein mit heiligen Orten umgeht? Schließlich bewertete unser Reformator ja den schon zu seinen Zeiten populären Pilgerweg nach Santiago de Compostela: »Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt.«

Dass das Heil an einem bestimmten Orte gebunden sei, ist evangelischer Theologie fremd. Wir haben, um mit Fulbert Steffensky zu sprechen, ernst damit gemacht, dass das Christentum »auf einen uranfänglichen Mangel gegründet ist, auf das leere Grab«. Protestanten können daher nüchtern sagen: Wir brauchen Jerusalem nicht! »Der Herr ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.« – Was sollen wir nun mit Jerusalem?

Weil aber auch der nüchternste Protestant nicht ohne Sehnsucht auskommt, auch nicht ohne theologische, gibt es Lieder über Jerusalem. Ein Sehnsuchtslied besonderer Güte ist »Wachet auf, ruft uns die Stimme«. 1598 überfiel die Pest die Stadt Unna. Ihr Pfarrer Phillip Nicolai berichtet von 30 Beerdigungen am Tag und singt im Angesicht der grassierenden Pest, inmitten von Tod und Elend von Hosianna, Gloria und Halleluja. Er errichtet eine Gegenwelt und träumt von einem Freudensaal mit paradiesischem Abendmahl. Die Sehnsucht auf das himmlische Hochzeitsmahl wird zu einem Ausblick aufs Leben. Jedes Fest ist ein Abglanz des ewigen Festes und jedes Abendmahl eine Verheißung des großen Festmahls.

Dann werden auch wir singen: »Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für…«

Teja Begrich

»Blickpunkt Jerusalem« ist der Titel einer Veranstaltungsreihe der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen und der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum im Kultur- und Bildungszentrum der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Juri-Gagarin-Ring 21, Erfurt. Die nächsten Termine: 

29. August, 19 Uhr: Georg Rössler (Jerusalem), »Warum haben wir (fast) alle Aktien in Jerusalem?«


17. Oktober, 19 Uhr: Ricklef Münnich (Erfurt) »Hinauf nach Jerusalem. Die Heilige Stadt im Neuen Testament«

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