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Chag sukkot sameach!

Der Etrog als Symbol der jüdisch-israelischen Kulturtage in Thüringen

Die Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur haben sich in diesem Jahr den Etrog als Symbol gewählt. Er ist Teil der „vier Arten“, die zusammengebunden den Feststrauß bilden, der während des Laubhüttenfestes im Morgengebet geschwenkt wird. 

Diese Zitronatfrucht sieht aus wie eine Zitrone, die unter Furunkeln leidet, ihre Oberfläche ist pockig. Auch darum passt sie zu Sukkot. Dieses Fest erfüllt das Gebot „Sieben Tage sollt ihr in Laubhütten wohnen“ (3. Buch Moses 23, 42). Das geschieht, „damit eure Nachkommen wissen, wie ich die Kinder Israel habe lassen in Hütten wohnen, da ich sie aus Ägyptenland führte. Ich bin der Herr, euer Gott.“

Im Talmud wird diskutiert, was das bedeutet. In Sukka 11b sagt Rabbi Akiva, es geht wirklich um Hütten (רבי עקיבא אומר סוכות ממש), um armselige und provisorische Hütten, in denen es (auf jeden Fall in Deutschland) zugig und kalt sein und hereinregnen kann. 

In diesem Jahr verstehen wir das kaum anders, als dass trotz aller notwendigen und verstärkten Sicherheitsmaßnahmen für Jüdinnen und Juden in Deutschland die relative Unbehaustheit einer Hütte bleibt auf dem Weg aus Ägyptenland, dem Land der Knechtschaft, hindurch durch die Wüste bis hinein ins Land der endgültigen Erlösung. 

Ein bisschen weniger Wüste schon jetzt wäre gut. Deshalb ist nicht nur Polizeischutz erforderlich, sondern auch unser aller Gebet und unser daraus folgendes Handeln: Mögen Juden in Deutschland und Israel und in der Welt sicher und bewahrt bleiben! Mögen diejenigen, die den Terror bekämpfen, wachsam werden! Mögen diejenigen, die Terror anstacheln, ihr Denken und ihre Wege ändern! Mögen all die, die unbeteiligt zuschauen und abwiegeln, endlich ein Rückgrat bekommen! 

חג סוכות שמח

Ein fröhliches Laubhüttenfest!

Jom Kippur 5780 in Halle (Saale)

Soeben ist der höchste jüdische Feiertag, der Versöhnungstag, zu Ende gegangen. Der Jom Kippur ist ein Bußtag, an dem 25 Stunden gefastet wird. Viele Jüdinnen und Juden gehen in die Synagoge, selbst wenn sie das übrige Jahr keine religiösen Traditionen praktizieren. Die Gottesdienste dauern recht lang – was soll man auch anderes tun als beten, wenn Essen und Trinken nicht auf dem Tagesplan stehen.

In diesem jüdischen Jahr 5780 sind die Juden in Halle (Saale) von der Polizei aus dem Gottesdienst geholt und mit Bussen weggefahren worden. Die vorgeschriebenen Gebete konnten nicht abgeschlossen werden!

Es drohte Lebensgefahr. Gemeindevorsteher Max Privorozki: „Wir haben in der Sicherheitskamera gesehen, dass ein Mann versucht hat, sich Zugang zu der Synagoge mit Hilfe von Waffen zu verschaffen. Er hatte ein Gewehr, hat Granaten geworfen, Molotow-Cocktails. Aber Gott sei Dank hat er es nicht geschafft, reinzukommen.“ Stattdessen tötete er eine Frau vor dem nahen jüdischen Friedhof und eine weitere Person in einem Imbiss-Laden.

An Jom Kippur wird in den Gottesdiensten der (Nicht-)Opferung Isaaks gedacht. Die „Akedat Jitzchak“, die Bindung Isaaks, ist ein zentraler Text für den Tag. Das Widderhorn, das Schofar, das an diesem Tag in den Synagogen geblasen wird, erinnert an den Widder, der an Stelle Isaaks geopfert wurde.

Isaak wurde bewahrt – wie heute die etwa 60 Beterinnen und Beter in der Hallenser Synagoge bewahrt wurden. Da der Täter es aber todernst meinte, denken wir traurig an die Gemordeten und unser Mitgefühl gilt ihren Familien und Freunden.

In der Geschichte der Halleschen jüdischen Gemeinde war die Bewahrung eher Ausnahme als Regel (Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum):

  • Zu Beginn des 13.Jahrhunderts soll die jüdische Siedlung, das „Judendorf“ von Christen in Brand gesteckt und seine Bewohner vertrieben worden sein.
  • Die Pestjahre von 1348/1349 forderten unter den Juden in Halle zahlreiche Opfer. Der Rest wurde vertrieben.
  • Gegen Ende des 14.Jahrhunderts gerieten die Juden unter den Verdacht der Brunnenvergiftung; dies hatte zur Folge, dass der Pöbel die Judenhäuser stürmte, diese zerstörte und viele Bewohner umbrachte.
  • Als der Hallesche Stadtrat auf Betreiben des Theologen Nikolaus von Kues die Juden zwang, ihre Geldgeschäfte aufzugeben und besondere Abzeichen zu tragen, waren sie ihrer Lebensgrundlage beraubt und kehrten der Stadt den Rücken.
  • 1493 wurden erneut alle Juden aus Halle gewaltsam vertrieben.
  • Die Hallesche Synagoge – am Großen Berlin unweit des alten Marktes gelegen – wurde 1724 „bei einem Tumulte vom Volk gestürmt“ und dabei fast völlig zerstört.
  • In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge am Großen Berlin erneut in Brand gesetzt, ihre Inneneinrichtung völlig vernichtet und das Gemeindehaus geschändet.
  • Bis 1941 sind vermutlich zwei Drittel der in Halle ansässigen Juden gezwungenermaßen emigriert; die meisten der fast 600 Personen nach Shanghai, England, in die USA und nach Palästina.
  • In mehreren Transporten wurden die Zurückgebliebenen bis Dezember 1942 in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. In Halle erinnern heute mehr als 100 Stolpersteine an diese Menschen.

Hatten wir nicht in den vergangenen Jahrzehnten gedacht, die Bedrohung von Menschen in Halle allein aus dem Grund, dass sie Juden sind, sei vorüber?

„Modernes Israel“ | Jüdisch-Israelische Kulturtage stellen Programm vor

Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur
vom 30. Oktober bis 16. November 2019

Das moderne Israel steht im Fokus der 27. Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur. Eine große Zahl israelischer Musiker, Künstler und Vortragsredner werden zu Gast in Thüringen sein um mit ihren Konzerten, Performances, Vorträgen und Ausstellungen ein reiches Bild vom Leben in Israel zu zeichnen. „Die Leistungen der israelischen Gesellschaft sowie der Reichtum und die Multikulturalität der Kultur in Israel sind ungemein faszinierend. Es gibt sehr viel zu entdecken. Wir möchten das oft recht einseitige Bild, das in Deutschland vom jüdischen Staat besteht erweitern“, so der künstlerische Leiter der Kulturtage, Michael Dissmeier.

Neben dem Themenschwerpunkt werden die Kulturtage sich dem Erinnern und Gedenken der Schoa widmen und vom jüdischen Leben in Deutschland erzählen – in Vergangenheit und Gegenwart.

Die Festivalbesucher erwartet in 24 Städten und Orten Thüringens ein 100 Veranstaltungen umfassendes Programm mit Konzerten, Ausstellungen, Filmen, Lesungen, Vorträgen und vielem mehr.

Die jüdisch-israelischen Kulturtage in Thüringen stehen unter der Schirmherrschaft des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Er wird sie mit dem Konzert von Noam Vazana, „18 Aliyot“, am 30. Oktober, um 19 Uhr, in der Rathaushalle von Mühlhausen eröffnen.

Hinter dem Titel „18 Aliyot“ verbirgt sich eine musikalische Reise durch die Geschichte der Einwanderungswellen („Aliyot“) nach Israel. Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute unternah- men die unterschiedlichsten jüdischen Volksgruppen ihre Aliyah, teils freiwillig, teils gezwungenermaßen. Alle zusammen prägen heute das Leben im bunten, multikulturellen Staat Israel. Jeder der historischen Einwanderungswellen hat Noam Vazana ein Lied gewidmet.

Der Kartenvorverkauf für diese und die weiteren Veranstaltungen der Kulturtage hat bereits begonnen:
Ticket-Shop Thüringen
Tickethotline 0361/2275227.

Das Programm der 27. Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur ist abrufbar unter: juedische-kulturtage-thueringen.de.

Zelt der Begegnung

Im Gespräch mit Mose, Elia und Jesus

zu den Jüdisch-Christlichen Begegnungstagen Eisenach,
20. und 21. September 2019, 11 bis 17 Uhr

„Beseitigung“ des Gesprächs mit dem jüdischen Volk und des Lernens vom Judentum waren Ziele des kirchlichen „Entjudungsinstituts“ 1939 bis 1945. Dabei war doch Jesus selber in intensiver Auseinandersetzung mit der Tora! Die Evangelien berichten, er sei auf einem hohen Berg im Gespräch mit Mose, dem Geber der Tora, und mit Elia, dem prophetischen Künder, gewesen – so ausführlich, dass seine wartenden Schüler währenddessen einschliefen… 

Die Zeit des Schlafes im jüdisch-christlichen Verhältnis sollte nun drüber sein! Es wird Zeit für den Vorschlag von Petrus: „Hier ist für uns gut sein; wir wollen Zelte der Begegnung bauen!“

Warum ein Zelt? „…dass eure Nachkommen wissen, wie ich die Israeliten habe in Zelten wohnen lassen, als ich sie aus Ägyptenland führte,“ sagt Gott. Keine feste Wohnung im Gespräch zu haben bedeutet, keine eingemauerten Wahrheiten zu besitzen, sondern miteinander unterwegs zu sein. 

Am Ende der Bibel wird versprochen: „Siehe da, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein.“ Dorthin sind wir unterwegs. Im Zelt der Begegnung wollen wir von Mose, Elia und Jesus lernen. Damit die „Vergegnung“ früherer Zeiten ein Ende hat…

Im „Zelt der Begegnung“ soll der von Mose (Tora), Elia (Propheten) und Jesus (Evangelium) gemäß der biblischen Berichte (»Verklärung Jesu«) geführte Dialog erneuert werden – freilich mit den jahrhundertelangen Erfahrungen christlich-jüdischer Entfremdung sowie unter den Bedingungen der Gegenwart in einer der säkularisiertesten Gegenden Europas. 

Zu den Jüdisch-Christlichen Begegnungstagen Eisenach am 20. und 21. September 2019, jeweils zwischen 11 und 17 Uhr, im Zelt auf dem Lutherplatz mit dabei sind Rabbiner Andrew Aryeh Steiman (Frankfurt/Main) und Rabbiner Dr. Walter Rothschild (Berlin). Auf christlicher Seite wirken mit Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken (Berlin) und Pfarrer i.R. Ricklef Münnich (Erfurt).

AlefBet – Das Fundament der Welt. Vom Sinn der hebräischen Buchstaben

Vortrag Pfarrer i.R. Ricklef Münnich

Im digitalen Zeitalter hat eine neue Auseinandersetzung um Wort und Wahrheit begonnen. Die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen lädt daher in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen und der Evangelischen Erwachsenenbildung Thüringen in diesem Jahr zu einer dreiteiligen Reihe ein, die auf die Bedeutung der Schrift & Sprache im jüdischen Leben hinweisen will.

Die Veranstaltungen finden statt im Kultur- und Bildungszentrum der jüdischen Gemeinde, Juri-Gagarin-Ring 21 – dem Erfurter Hirschgarten gegenüber gelegen.

Am dritten und letzten Abend, am Mittwoch, dem 21. August 2019, um 19 Uhr, spricht Pfarrer i.R. Ricklef Münnich über die Bedeutung der hebräischen Schriftzeichen.

Das hebräische AlefBet

Die Buchstaben stellen in der hebräischen Sprache zugleich die Zahlen dar. Neben den Zahlenwerten haben sie auch Namen. Die geschriebene Tora, eine Schriftrolle, besteht hebräisch ganz aus Konsonanten. Diese bilden zusammen die Worte an Mose vom Sinai. Die Vokale und die Melodie der verschiedenen Betonungen und Aussprachen bringen die geschriebenen Worte zum Leben und heute für uns ins Leben.

Einen Einladungsflyer gibt es zum Download hier.

Verwoben. Jiddische Sprache und Jüdische Lebenswelten

Vortrag von Dr. Diana Matut

Im digitalen Zeitalter hat eine neue Auseinandersetzung um Wort und Wahrheit begonnen. Die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen lädt daher in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen und der Evangelischen Erwachsenenbildung Thüringen in diesem Jahr zu einer dreiteiligen Reihe ein, die auf die Bedeutung der Schrift & Sprache im jüdischen Leben hinweisen will.

Die Veranstaltungen finden statt im Kultur- und Bildungszentrum der jüdischen Gemeinde, Juri-Gagarin-Ring 21 – dem Erfurter Hirschgarten gegenüber gelegen.

Dr. Diana Matut
(Foto: Antje Seeger)

Am zweiten Abend, am Mittwoch, dem 3. Juli 2019, um 19 Uhr, spricht Dr. Diana Matut, Lehrkraft am Seminar für Judaistik/Jüdische Studien an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, über die Lebens- und Gestaltungskraft der jiddischen Sprache und ihre Beduetung für das Leben und Überleben der jüdischen Gemeinschaft.

Geschichte, Kultur und Identität osteuropäischer Jüdinnen und Juden waren und sind mit der jiddischen Sprache aufs Engste verbunden. Dabei begann die Entwicklung des Jiddischen vor über tausend Jahren im Westen Europas und war verwoben mit der Genese der jüdischen Gemeinschaften. Jiddisch und Jiddischkejt (jüdische Lebensweise, das Jüdisch-Sein) waren ohne einander nicht denkbar.

Dieser Vortrag will nicht nur zur Geschichte des Jiddischen Auskunft geben, sondern dessen umfassende kulturelle Bedeutung in verschiedenen jüdischen Lebenswelten durch die Jahrhunderte bis in unsere Zeit darstellen.

Download des Plakates hier…

Der nächste Termin der Reihe „Schrift & Sprache“:

  • Mittwoch, 21. August 2019, 19 Uhr: Pfarrer i.R. Ricklef MünnichAlefBet – Das Fundament der Welt. Vom Sinn der hebräischen Buchstaben

Die Bibelübersetzung von Moses Mendelssohn


Vortrag von Landesrabbiner Alexander Nachama

Im digitalen Zeitalter hat eine neue Auseinandersetzung um Wort und Wahrheit begonnen. Die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen lädt daher in Zusammenarbeit mit der Jüdische Landesgemeinde Thüringen in diesem Jahr zu einer dreiteiligen Reihe ein, die auf die Bedeutung der Schrift & Sprache im jüdischen Leben hinweisen will.

Die Veranstaltungen finden statt im Kultur- und Bildungszentrum der jüdischen Gemeinde, Juri-Gagarin-Ring 21 – dem Erfurter Hirschgarten gegenüber gelegen.

Landesrabbiner Alexander Nachama

Am ersten Abend, am Mittwoch, dem 19. Juni 2019, um 19 Uhr, nimmt Landesrabbiner Alexander Nachama die Übersetzung der Bibel durch Moses Mendelssohn in den Blick.

In der Festschrift für Niels Hansen (ehemals deutscher Botschafter in Israel) „Recht und Wahrheit bringen Frieden“ (1994) notiert Josef Burg: „In seinem Vorwort zur ersten Auflage am Neumondstag des Monats Nissan 1783 schreibt Mendelssohn: ‚Und es war, als Gott mir Söhne gab und die Zeit herankam, sie Thora zu lehren und das geschriebene Wort des lebendigen Gottes – da begann ich die fünf Bücher der Thora in ein gepflegtes und korrektes Deutsch zu übersetzen, entsprechend dem heutigen Sprachgebrauch.‘ Im letzten Abschnitt dieses Vorworts betont Mendelssohn den Wert des hebräischen Sprachunterrichts im jugendlichen Alter. Es gebe nichts Besseres als die Knaben täglich in der Schule in den Grundlagen des Hebräischen zu unterrichten , ‚wie es beherzte Menschen in manchen der heiligen Gemeinden Israels eingeführt und gegründet haben.‘ 1784!

Das war Mendelssohns Absicht und Plan zur Fundierung jüdischen Wissens und zur Fortsetzung jüdischer Existenz. Der Gang der Geschichte Europas, Deutschlands, der Juden war ein anderer, bitter und grausam – für die Individuen und für das Kollektiv.“

Download des Plakates hier…

Die weiteren Themen und Termine der Reihe „Schrift & Sprache“:

  • Mittwoch, 3. Juli 2019, 19 Uhr: Dr. Diana Matut (Halle/Saale), Verwoben. Jiddische Sprache und Jüdische Lebenswelten
  • Mittwoch, 21. August 2019, 19 Uhr: Pfarrer i.R. Ricklef MünnichAlefBet – Das Fundament der Welt. Vom Sinn der hebräischen Buchstaben

Gedenkzeichen: „Wir sind in die Irre gegangen“

Gestern fand die Enthüllung eines Gedenkzeichens nahe der Eisenacher Bornstraße 11 statt. „Wir sind in die Irre gegangen.“ Dieses Schuldbekenntnis steht in weißen Buchstaben auf dem gut zwei Meter großen Mahnmal aus rostigem Stahl.

Dahinter hängt eine Tafel mit dem folgenden Text:

Am 6. Mai 1939 gründeten elf evangelische Landeskirchen in Eisenach das ,Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben’. Aufgabe dieses Instituts war es, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu tilgen, alle positiven Hinweise auf das Volk Israel und das Judentum aus der Heiligen Schrift zu entfernen sowie Lehre und gottesdienstliche Praxis der evangelischen Kirche an die nationalsozialistische Ideologie anzupassen. 

Im Namen sogenannter ,theologisch-völkischer Wissenschaft’ verfälschten die Mitarbeiter des Instituts dazu Wort und Sinn des Evangeliums, schürten den Hass gegen das Judentum und betrieben den Ausschluss von Christinnen und Christen jüdischer Herkunft aus der evangelischen Kirche. Sie trugen mit ihrer Arbeit dazu bei, die Verfolgung und millionenfache Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu rechtfertigen. 

Die Geschäftsstelle des ,Entjudungsinstituts‘ hatte ihren ersten Sitz nur wenige Meter von hier in der Bornstraße 11. Die Nachfolgerinnen der damals beteiligten Landeskirchen haben deshalb dieses Mahnmal hier errichten lassen als Bekenntnis ihrer Schuld und zur Erinnerung an die Opfer von Antijudaismus und Antisemitismus. 

Eisenach, den 6. Mai 2019

Die Löcher im Stahl des Mahn- und Umkehrzeichens sollen daran erinnern, wie das Institut sich daran versuchte, jüdische Teile des Neuen Testamentes und des evangelischen Gesangbuches zu entfernen. Gestaltung und Ausführung des Gedenkzeichens überzeugen unmittelbar. Auch die Veranstaltung selbst war in Musik und Worten der Landesbischöfin Ilse Junkermann und von Vertretern weiterer damals beteiligter Landeskirchen gelungen.

Einige kritische Bemerkungen mögen gleichwohl folgen – auch wenn sie nichts von dem positiven Eindruck abmarkten sollen.

Der Beauftragte der Landesregierung für jüdisches Leben in Thüringen und die Bekämpfung des Antisemitismus, Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, erklärte gestern:

„Die Entscheidung der Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, anlässlich des 80. Jahrestages der fatalen Gründung des sogenannten ‚Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben‘ am 6. Mai auf der Wartburg mit einer Gedenkinstallation und einer Fachtagung an die Rolle der evangelischen Kirchen im Nationalsozialismus zu erinnern, ist richtig und wichtig.“

Die etwas missverständliche Formulierung hinsichtlich des Ortes ist eine Lappalie, doch den folgenden Satz aus der Medieninformation der Staatskanzlei halte ich für bemerkenswerter:

„Anhand des sogenannten Entjudungsinstituts können entsprechende Argumentationsmuster, die auch heute noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden, identifiziert und dekonstruiert werden.“

Hier leuchtet die immer häufiger zum Ausdruck gebrachte Meinung auf, Geschichte würde sich einfach wiederholen, im speziellen gegenwärtig die nationalsozialistische. So einfach, wie der Minister meint, ist es nicht. Er müsste konkreter werden: Welche damaligen Argumentationsmuster, die „noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden“, meint Professor Hoff?

Der MDR bringt heute in seinem Veranstaltungsbericht denselben Satz, ohne eine Quelle zu benennen:

„Argumentationsmuster, die immer noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden, müssen identifiziert werden.“

Leider scheint die tatsächliche Quelle solch simplifizierender Suche nach heutigen Parallelen eher eine kirchliche zu sein, und das ist mir das eigentliche Problem:

„In einer Zeit, in der Antisemitismus und Verschwörungstheorien, völkisches Denken und nationalistische Mythen wieder auf dem Vormarsch sind, muss mit aller Deutlichkeit daran erinnert werden, in welche Abgründe derartige Gedanken führen und welche gesellschaftliche Verantwortung die Kirche trägt.“

So wurde am 5. Mai Dr. Jochen Birkenmeier, der Wissenschaftliche Leiter und Kurator des Lutherhauses Eisenach, zitiert.

Dr. Birkenmeier spricht von unserer Zeit und es klingt so, als seien „haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter“ von damals noch immer oder wieder am Werke. Ohne derzeitigen Rechtsextremismus verharmlosen zu wollen – man kann als wissenschaftlicher Leiter einer von der EKM getragenen Einrichtung doch nicht einfach so tun, als wäre heute 1939! Das ist Verharmlosung der Tätigkeit des „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Es nimmt damit dem Schuldbekenntnis von 2019 etwas von seiner Ernsthaftigkeit.

llse Junkermann deutete, wenn auch nur im Nachgespräch im kleineren Kreise im Eisenacher „Glockenhof“, eine andere mögliche Parallele an hat, die tatsächlich bedenkenswert ist. Sie sprach davon, dass die Kirchen sich damals, um sich selbst zu behaupten, der nationalsozialistischen Mehrheit und Macht andienten und dafür das jüdische Evangelium preisgaben – später auch die Juden selbst in ihrer Mitte. Und ob die Kirchen nicht heute wiederum in der Gefahr stünden, um ihrer Selbstbehauptung willen den Mehrheitsmeinungen in Politik und Gesellschaft zu folgen. – Genau das hat jedoch hat Jochen Birkenmeier getan!

Eisenach, Bornstraße 11, erster Sitz des „Entjudungsinstitutes“. Dort war später das Predigerseminar der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen zuhause. Bereits 1994 lud dieses unter seinem Rektor Dr. Günter Reese zu einem Studientag unter dem Titel „Wir sind in die Irre gegangen“ ein. Ab 1997 setzte Rektor Michael Dorsch die Reihe der Studientage zum früheren Ungeist des Ortes jährlich fort.

Dank Landesbischöfin Ilse Junkermann und gelungener Planung und Vorbereitung war die Enthüllung des Gedenkzeichens eine wichtige, wenn auch überfällige Veranstaltung –  die Bemühungen darum reichen zeitlich sehr weit zurück, bis in die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen. Doch es gibt hier sicherlich kein „zu spät“ – auch wenn es mir, wie angedeutet, scheinen mag, als habe jetzt der Zeitgeist die Sache befördert.

Nur eine kleine Anmerkung noch zum Text der Tafel: Eigentlich hatte man 1939 nicht „die jüdischen Wurzeln des Christentums“ tilgen wollen, sondern das jüdische Christentum. Im Kern ist das Christentum jüdisch. Also tilgte man letztlich das Christentum selbst.

Prof. Susannah Heschel hat, gerade erneut publiziert, darauf hingewiesen:

„Zusammen mit anderen Nazis hatte Alfred Rosenberg die Schwierigkeit dieser Aufgabe (das Jüdische aus dem Christlichen zu entfernen) erkannt und machte die Anstrengungen der christlichen Theologen lächerlich. Er behauptete, dass nichts mehr übrig bliebe, wenn man das Jüdische vom Christlichen wegnimmt.“

Und da hatte Rosenberg ausnahmsweise einmal recht…

Ricklef Münnich

Ilse Neumeister gestorben

Du tust mir kund den Pfad des Lebens.
Psalm 16,11

Wir nehmen Abschied von Ilse Neumeister, unserem Gründungsmitglied seit 1987. Sie verstarb am Gründonnerstag, 18. April 2019.

Die Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschaft war ihr ein unveräußerliches Anliegen unter unterschiedlichen politischen Bedingungen.

Ihre Überzeugungskraft und das Vertrauen, das sie sich bei Mitstreitern in Politik, Kirche, Gesellschaft und besonders bei jüdischen Partnern erworben hatte, ebnete neue Wege und verpflichtete zum Einspruch gegen jegliche Art der Judenfeindschaft. Dafür sind wir ihr sehr dankbar.

Das Gedenken an das zuverlässige Engagement der „Neumeisterin“, ihre häufig unkonventionelle Initiative und an ihre streitbare Konsequenz werden wir bewahren.

Für den Leitungskreis der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum
Carsten Liesenberg und Ricklef Münnich

Für die Jüdische Landesgemeinde Thüringen
Prof. Dr.-Ing. habil. Reinhard Schramm, Vorsitzender


DIE ZEUGEN

Ein Projekt im öffentlichen Raum

der ACHAVA Festspiele Thüringen mit der Stadt Weimar und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Weimar steht in der Moderne für Humanismus und Aufklärung ebenso wie für Ausgrenzung und Völkermord. Das Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg gehört zu dieser Stadt und soll uns Mahnung sein. Die Häftlinge des Konzentrationslagers wurden durch die Stadt getrieben – sie waren sichtbar.

Das Projekt im öffentlichen Raum soll diese Tatsache auch im Jahr des Bauhausjubiläums deutlich machen. Der Weg zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt ist von zahlreichen Wegmarken gesäumt. Im Norden der stark frequentierte Bahnhofsvorplatz, der Buchenwaldplatz hat direkten Bezug zum Konzentrationslager, das Neue Museum als Ort der Kunst und damaliger Sitz des Gauleiters Sauckel, das jetzige Landesverwaltungsamt war Teil des »Gauforums«, das im Nationalsozialismus zum Zentrum der Stadt werden sollte. Schließlich das neue Bauhaus-Museum …

Der Weimarer Fotograf Thomas Müller porträtierte über mehrere Jahre ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald aus verschiedenen Nationen. Sechzehn großformatige Fotoporträts machen diesen Teil der Geschichte sichtbar und laden die Weimarer und ihre Gäste zum Innehalten ein.

Einladung zur Eröffnung am 1. April 2019 | 17 Uhr |
August-Baudert-Platz | Bahnhofsvorplatz 99423 Weimar

Der Thüringer Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Staatskanzlei, Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, wird diese Ausstellung mit den Einladenden gemeinsam eröffnen.