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Jom Kippur 5780 in Halle (Saale)

Soeben ist der höchste jüdische Feiertag, der Versöhnungstag, zu Ende gegangen. Der Jom Kippur ist ein Bußtag, an dem 25 Stunden gefastet wird. Viele Jüdinnen und Juden gehen in die Synagoge, selbst wenn sie das übrige Jahr keine religiösen Traditionen praktizieren. Die Gottesdienste dauern recht lang – was soll man auch anderes tun als beten, wenn Essen und Trinken nicht auf dem Tagesplan stehen.

In diesem jüdischen Jahr 5780 sind die Juden in Halle (Saale) von der Polizei aus dem Gottesdienst geholt und mit Bussen weggefahren worden. Die vorgeschriebenen Gebete konnten nicht abgeschlossen werden!

Es drohte Lebensgefahr. Gemeindevorsteher Max Privorozki: „Wir haben in der Sicherheitskamera gesehen, dass ein Mann versucht hat, sich Zugang zu der Synagoge mit Hilfe von Waffen zu verschaffen. Er hatte ein Gewehr, hat Granaten geworfen, Molotow-Cocktails. Aber Gott sei Dank hat er es nicht geschafft, reinzukommen.“ Stattdessen tötete er eine Frau vor dem nahen jüdischen Friedhof und eine weitere Person in einem Imbiss-Laden.

An Jom Kippur wird in den Gottesdiensten der (Nicht-)Opferung Isaaks gedacht. Die „Akedat Jitzchak“, die Bindung Isaaks, ist ein zentraler Text für den Tag. Das Widderhorn, das Schofar, das an diesem Tag in den Synagogen geblasen wird, erinnert an den Widder, der an Stelle Isaaks geopfert wurde.

Isaak wurde bewahrt – wie heute die etwa 60 Beterinnen und Beter in der Hallenser Synagoge bewahrt wurden. Da der Täter es aber todernst meinte, denken wir traurig an die Gemordeten und unser Mitgefühl gilt ihren Familien und Freunden.

In der Geschichte der Halleschen jüdischen Gemeinde war die Bewahrung eher Ausnahme als Regel (Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum):

  • Zu Beginn des 13.Jahrhunderts soll die jüdische Siedlung, das „Judendorf“ von Christen in Brand gesteckt und seine Bewohner vertrieben worden sein.
  • Die Pestjahre von 1348/1349 forderten unter den Juden in Halle zahlreiche Opfer. Der Rest wurde vertrieben.
  • Gegen Ende des 14.Jahrhunderts gerieten die Juden unter den Verdacht der Brunnenvergiftung; dies hatte zur Folge, dass der Pöbel die Judenhäuser stürmte, diese zerstörte und viele Bewohner umbrachte.
  • Als der Hallesche Stadtrat auf Betreiben des Theologen Nikolaus von Kues die Juden zwang, ihre Geldgeschäfte aufzugeben und besondere Abzeichen zu tragen, waren sie ihrer Lebensgrundlage beraubt und kehrten der Stadt den Rücken.
  • 1493 wurden erneut alle Juden aus Halle gewaltsam vertrieben.
  • Die Hallesche Synagoge – am Großen Berlin unweit des alten Marktes gelegen – wurde 1724 „bei einem Tumulte vom Volk gestürmt“ und dabei fast völlig zerstört.
  • In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge am Großen Berlin erneut in Brand gesetzt, ihre Inneneinrichtung völlig vernichtet und das Gemeindehaus geschändet.
  • Bis 1941 sind vermutlich zwei Drittel der in Halle ansässigen Juden gezwungenermaßen emigriert; die meisten der fast 600 Personen nach Shanghai, England, in die USA und nach Palästina.
  • In mehreren Transporten wurden die Zurückgebliebenen bis Dezember 1942 in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. In Halle erinnern heute mehr als 100 Stolpersteine an diese Menschen.

Hatten wir nicht in den vergangenen Jahrzehnten gedacht, die Bedrohung von Menschen in Halle allein aus dem Grund, dass sie Juden sind, sei vorüber?

Gedenkzeichen: „Wir sind in die Irre gegangen“

Gestern fand die Enthüllung eines Gedenkzeichens nahe der Eisenacher Bornstraße 11 statt. „Wir sind in die Irre gegangen.“ Dieses Schuldbekenntnis steht in weißen Buchstaben auf dem gut zwei Meter großen Mahnmal aus rostigem Stahl.

Dahinter hängt eine Tafel mit dem folgenden Text:

Am 6. Mai 1939 gründeten elf evangelische Landeskirchen in Eisenach das ,Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben’. Aufgabe dieses Instituts war es, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu tilgen, alle positiven Hinweise auf das Volk Israel und das Judentum aus der Heiligen Schrift zu entfernen sowie Lehre und gottesdienstliche Praxis der evangelischen Kirche an die nationalsozialistische Ideologie anzupassen. 

Im Namen sogenannter ,theologisch-völkischer Wissenschaft’ verfälschten die Mitarbeiter des Instituts dazu Wort und Sinn des Evangeliums, schürten den Hass gegen das Judentum und betrieben den Ausschluss von Christinnen und Christen jüdischer Herkunft aus der evangelischen Kirche. Sie trugen mit ihrer Arbeit dazu bei, die Verfolgung und millionenfache Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu rechtfertigen. 

Die Geschäftsstelle des ,Entjudungsinstituts‘ hatte ihren ersten Sitz nur wenige Meter von hier in der Bornstraße 11. Die Nachfolgerinnen der damals beteiligten Landeskirchen haben deshalb dieses Mahnmal hier errichten lassen als Bekenntnis ihrer Schuld und zur Erinnerung an die Opfer von Antijudaismus und Antisemitismus. 

Eisenach, den 6. Mai 2019

Die Löcher im Stahl des Mahn- und Umkehrzeichens sollen daran erinnern, wie das Institut sich daran versuchte, jüdische Teile des Neuen Testamentes und des evangelischen Gesangbuches zu entfernen. Gestaltung und Ausführung des Gedenkzeichens überzeugen unmittelbar. Auch die Veranstaltung selbst war in Musik und Worten der Landesbischöfin Ilse Junkermann und von Vertretern weiterer damals beteiligter Landeskirchen gelungen.

Einige kritische Bemerkungen mögen gleichwohl folgen – auch wenn sie nichts von dem positiven Eindruck abmarkten sollen.

Der Beauftragte der Landesregierung für jüdisches Leben in Thüringen und die Bekämpfung des Antisemitismus, Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, erklärte gestern:

„Die Entscheidung der Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, anlässlich des 80. Jahrestages der fatalen Gründung des sogenannten ‚Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben‘ am 6. Mai auf der Wartburg mit einer Gedenkinstallation und einer Fachtagung an die Rolle der evangelischen Kirchen im Nationalsozialismus zu erinnern, ist richtig und wichtig.“

Die etwas missverständliche Formulierung hinsichtlich des Ortes ist eine Lappalie, doch den folgenden Satz aus der Medieninformation der Staatskanzlei halte ich für bemerkenswerter:

„Anhand des sogenannten Entjudungsinstituts können entsprechende Argumentationsmuster, die auch heute noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden, identifiziert und dekonstruiert werden.“

Hier leuchtet die immer häufiger zum Ausdruck gebrachte Meinung auf, Geschichte würde sich einfach wiederholen, im speziellen gegenwärtig die nationalsozialistische. So einfach, wie der Minister meint, ist es nicht. Er müsste konkreter werden: Welche damaligen Argumentationsmuster, die „noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden“, meint Professor Hoff?

Der MDR bringt heute in seinem Veranstaltungsbericht denselben Satz, ohne eine Quelle zu benennen:

„Argumentationsmuster, die immer noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden, müssen identifiziert werden.“

Leider scheint die tatsächliche Quelle solch simplifizierender Suche nach heutigen Parallelen eher eine kirchliche zu sein, und das ist mir das eigentliche Problem:

„In einer Zeit, in der Antisemitismus und Verschwörungstheorien, völkisches Denken und nationalistische Mythen wieder auf dem Vormarsch sind, muss mit aller Deutlichkeit daran erinnert werden, in welche Abgründe derartige Gedanken führen und welche gesellschaftliche Verantwortung die Kirche trägt.“

So wurde am 5. Mai Dr. Jochen Birkenmeier, der Wissenschaftliche Leiter und Kurator des Lutherhauses Eisenach, zitiert.

Dr. Birkenmeier spricht von unserer Zeit und es klingt so, als seien „haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter“ von damals noch immer oder wieder am Werke. Ohne derzeitigen Rechtsextremismus verharmlosen zu wollen – man kann als wissenschaftlicher Leiter einer von der EKM getragenen Einrichtung doch nicht einfach so tun, als wäre heute 1939! Das ist Verharmlosung der Tätigkeit des „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Es nimmt damit dem Schuldbekenntnis von 2019 etwas von seiner Ernsthaftigkeit.

llse Junkermann deutete, wenn auch nur im Nachgespräch im kleineren Kreise im Eisenacher „Glockenhof“, eine andere mögliche Parallele an hat, die tatsächlich bedenkenswert ist. Sie sprach davon, dass die Kirchen sich damals, um sich selbst zu behaupten, der nationalsozialistischen Mehrheit und Macht andienten und dafür das jüdische Evangelium preisgaben – später auch die Juden selbst in ihrer Mitte. Und ob die Kirchen nicht heute wiederum in der Gefahr stünden, um ihrer Selbstbehauptung willen den Mehrheitsmeinungen in Politik und Gesellschaft zu folgen. – Genau das hat jedoch hat Jochen Birkenmeier getan!

Eisenach, Bornstraße 11, erster Sitz des „Entjudungsinstitutes“. Dort war später das Predigerseminar der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen zuhause. Bereits 1994 lud dieses unter seinem Rektor Dr. Günter Reese zu einem Studientag unter dem Titel „Wir sind in die Irre gegangen“ ein. Ab 1997 setzte Rektor Michael Dorsch die Reihe der Studientage zum früheren Ungeist des Ortes jährlich fort.

Dank Landesbischöfin Ilse Junkermann und gelungener Planung und Vorbereitung war die Enthüllung des Gedenkzeichens eine wichtige, wenn auch überfällige Veranstaltung –  die Bemühungen darum reichen zeitlich sehr weit zurück, bis in die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen. Doch es gibt hier sicherlich kein „zu spät“ – auch wenn es mir, wie angedeutet, scheinen mag, als habe jetzt der Zeitgeist die Sache befördert.

Nur eine kleine Anmerkung noch zum Text der Tafel: Eigentlich hatte man 1939 nicht „die jüdischen Wurzeln des Christentums“ tilgen wollen, sondern das jüdische Christentum. Im Kern ist das Christentum jüdisch. Also tilgte man letztlich das Christentum selbst.

Prof. Susannah Heschel hat, gerade erneut publiziert, darauf hingewiesen:

„Zusammen mit anderen Nazis hatte Alfred Rosenberg die Schwierigkeit dieser Aufgabe (das Jüdische aus dem Christlichen zu entfernen) erkannt und machte die Anstrengungen der christlichen Theologen lächerlich. Er behauptete, dass nichts mehr übrig bliebe, wenn man das Jüdische vom Christlichen wegnimmt.“

Und da hatte Rosenberg ausnahmsweise einmal recht…

Ricklef Münnich

Ilse Neumeister gestorben

Du tust mir kund den Pfad des Lebens.
Psalm 16,11

Wir nehmen Abschied von Ilse Neumeister, unserem Gründungsmitglied seit 1987. Sie verstarb am Gründonnerstag, 18. April 2019.

Die Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschaft war ihr ein unveräußerliches Anliegen unter unterschiedlichen politischen Bedingungen.

Ihre Überzeugungskraft und das Vertrauen, das sie sich bei Mitstreitern in Politik, Kirche, Gesellschaft und besonders bei jüdischen Partnern erworben hatte, ebnete neue Wege und verpflichtete zum Einspruch gegen jegliche Art der Judenfeindschaft. Dafür sind wir ihr sehr dankbar.

Das Gedenken an das zuverlässige Engagement der „Neumeisterin“, ihre häufig unkonventionelle Initiative und an ihre streitbare Konsequenz werden wir bewahren.

Für den Leitungskreis der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum
Carsten Liesenberg und Ricklef Münnich

Für die Jüdische Landesgemeinde Thüringen
Prof. Dr.-Ing. habil. Reinhard Schramm, Vorsitzender


Abschied von Wolfgang Nossen

MP Bodo Ramelow äußerte sich nach Bekanntwerden des Todes von Wolfgang Nossen auf Twitter.

Auf dem jüdischen Friedhof in Erfurt ist am Mittwoch, dem 20. Februar 2019, der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Wolfgang Nossen, beerdigt worden. Er war am vorangegangenen Schabbat 88-jährig verstorben. Rund 200 Menschen nahmen an der Trauerfeier teil. Neben seiner Familie und Mitgliedern der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen waren darunter auch Vertreter der Landesregierung, der Kommune, die Bischöfe in Thüringen sowie viele Freundinnen und Freunde aus Vereinen und Organisationen.

Gemeinsam mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Erfurt und dem Förderverein für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen e.V. gab die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen ihrer Trauer in einer Anzeige in den Thüringer Tageszeitungen Ausdruck.

Traueranzeige am Samstag, 26. Februar 2019

Blanka Weber schrieb dem „Mahner und Ermunterer“ Wolfgang Nossen nicht nur einen einfühlsamen Nachruf in der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“, sondern nahm das traurige Ereignis auch zum Anlass, im Deutschlandfunk Kultur über den Stand jüdischen Lebens in Thüringen zu reflektieren: „Dem Antisemitismus die Stirn bieten“.

Das Leben Wolfgang Nossens kann man mit privaten Fotos aus Breslau, Erfurt und Israel noch einmal in einer Galerie des Mitteldeutschen Rundfunks vorüberziehen lassen.

Wolfgang Nossen und Elisabeth Erdmann

Abschied von Pfarrer i.R. Karl Metzner

Am 26. August 2018 ist Pfarrer i.R. Karl Metzner im 91. Lebensjahr verstorben. Der Trauergottesdienst fand am 1. September 2018 in der Erfurter Andreaskirche statt.

Karl Metzner war über viele Jahre (nicht nur) in unserer Arbeitsgemeinschaft aktiv und lebte seine Verbundenheit mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Deren Vorsitzender, Prof. Dr.-Ing. habil. Reinhard Schramm schrieb zum Tode von Pfarrer Metzner:

Karl MetznerUnser Freund Pfarrer i.R. Karl Metzner ist am 26. August von uns gegangen!

„Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen trauert mit den Angehörigen von Karl Metzner und unseren christlichen Freunden. Auch wir haben einen guten und verlässlichen Freund verloren. Karl Metzner hat als junger Christ mutig und opferreich Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet, hat später seinen Glauben in der DDR Diskriminierung zum Trotz offensiv zur Wirkung verholfen und nach der Wende sich bis in seine letzten Tage für Mitmenschlichkeit und Toleranz, gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus eingesetzt. Wir verneigen uns in tiefer Dankbarkeit vor unserem teuren Freund. Gerade in der heutigen Zeit der Rückkehr zum Nationalismus in Europa wird uns Karl Metzner besonders fehlen. Möge sein Vorbild die Mitte unserer Gesellschaft wachrütteln.“

Peter Franz, ehemals Pfarrer im „Evangelischen Gemeindezentrum Thomas
Müntzer“ von Kapellendorf, Vorsitzender der Basisgruppe Weimar-Apolda in
der VVN-BdA, schreibt:

Karl Metzner 2„Karl Metzner war uns in der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) ein
guter und engagierter Freund. Seine Überzeugung, dass Völkerfreundschaft
und Völkerfrieden Werte sind, die aus Jesu Bergpredigt abzuleiten sind,
hat ihn an unsere Seite geführt. Am Kreuzweg für den Frieden, den die
CFK Thüringen mehrfach in der Natonalen Mahn- und Gedenkstätte
Buchenwald durchführte, war Karl immer mit dem Herzen dabei – ebenso bei
zahlreichen Wochenenden der Information und des Gesprächs um Frieden und
Völkerverständigung, die im „Evangelischen Gemeindezentrum Thomas
Müntzer“ von Kapellendorf in den 1980er Jahren stattfanden.

Genauso engagiert kennen wir Karl als Mitglied und Vorstandsmitglied in
der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten
(VVN-BdA) Thüringen. An einigen Exkursionen des Thüringer Verbandes zu
Gedenkstätten für Verfolgung und Widerstand gegen das Naziregime war er
aktiv und immer gesprächsbereit beteiligt.

Auch nach seinem Heimgang erfüllt uns mit Dankbarkeit, dass wir diesen
mitmenschlichen und gesprächsbereiten Antifaschisten in unserer
Gemeinschaft haben durften.“

Handlungsmuster des Bedauerns. Antisemitismus in den Zeitungsmedien

„In diesem Jahr ist doch manches anders“, resümiert Christoph Markschies in seinem Beitrag zum Israelsonntag 2018 in der Evangelischen Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz „die Kirche“:

„Der emeritierte Papst fragt, ob das, was evangelische und katholische Kirche seit Jahrzehnten gemeinsam über die ungekündigten Verheißungen für das jüdische Volk in ihren Grundtexten bekennen, vielleicht nicht doch zu wenig gründlich bedacht wurde. Ordinierte Pfarrer wissen nicht mehr, dass das Alte Testament wie in allen christlichen Kirchen seit 2 000 Jahren auch in der EKBO und in der ganzen Evangelischen Kirche in Deutschland der erste Teil der zweiteiligen christlichen Bibel ist. Und dann schlägt man noch seine Kirchenzeitung auf und findet eine ganz trübe Karikatur darin.“

Markschies bezog sich auf eine Karikatur, die die Kirchenzeitung am vorhergehenden Sonntag gedruckt hatte. Anlass war das vom israelischen Parlament, der Knesset, verabschiedete Nationalstaatsgesetz. Bischof Markus Dröge sah sich umgehend zu einer Distanzierung veranlasst: „Eine solche Karikatur in unserer Kirchenzeitung ist für mich vollkommen inakzeptabel! Hier wird mit Bildern suggeriert, es seien ,die Juden‘, die ,die Araber‘ in Israel beiseite drücken, aushungern, zerquetschen wollen. Gut und Böse sind klar verteilt.“

Verlag und Redaktion erkannten denn auch sofort, dass ihnen mit der Veröffentlichung „ein schwerer Fehler unterlaufen“ ist: „Der Abdruck ist in kritischer politischer Absicht gegenüber dem neuen Nationalstaatsgesetz geschehen – und bedeutet in der fatalen Annahme, dass es eine rein politische Karikatur in unserer Zeitung zu diesen Themen geben könnte, eine nicht zu entschuldigende Geschmacklosigkeit.“

Mit dieser Wertung ist der Vorgang zutreffend bezeichnet. Gerade angesichts der Urteile des Bundesverfassungsgerichtes in dieser Woche ist zu betonen, dass die Karikatur von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, die, wie das Gericht schon 1958 feststellte, „eines der vornehmsten Menschenrechte überhaupt“ und für unser freiheitlich-demokratische Staatsordnung „schlechthin konstituierend“ sei. Das oberste Gericht beeilte sich jetzt aber zugleich zu betonen, dass deshalb nicht jede nicht strafbare Äußerung gleich akzeptabel sei. Die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Freiheit und des Anstandes ist daher Aufgabe aller und kann nur im öffentlichen Diskurs geführt werden. Dazu sollen diese Zeilen einen Beitrag liefern.

In der Debatte um Kritik am Handeln der israelischen Regierung und insbesondere an Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist besonders darauf zu achten, ob und wie antisemitische Klischees, etwa in einer Karikatur, wiederaufgenommen und aktualisiert werden. Hier gab es in den vergangenen fünf Jahren durchaus einen roten Faden, den der Zeichner in „die Kirche“ fortgesponnen hat.

Im Juni 2013 missbrauchte die „Süddeutsche Zeitung“ eine Zeichnung von Ernst Kahl, indem sie diese in einen völlig neuen Kontext setzte, über den der Zeichner damals sich nur „entsetzt“ äußern konnte, weil sie mit der Unterzeile „Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch“ nun wie eine antisemitischen Hetzzeichnung auf Stürmer-Niveau wirken musste. Der nationalsozialistische „Stürmer“ hat den hässlichen, gefräßigen Juden, einen Moloch in Menschengestalt, der im Begriff ist, sich die Welt einzuverleiben, so fest ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt, dass er jederzeit abrufbar ist – nur tritt heute „Israel“ an die Stelle des „Juden“.

Nur wenige Wochen später war es die „Stuttgarter Zeitung“, die ein bestehendes Werk in einen neuen und antisemitischen Kontext setzte – diesmal Georg Kreislers Moritat vom „Tauben vergiften“. Ministerpräsident Netanjahu sitzt auf einer Bank und wirft einer bedröppelt dreinblickenden Friedenstaube vergiftete Brotstückchen hin. Damit wird erneut eine Erinnerung des antisemitischen kulturellen Gedächtnisses reaktiviert: das Bild der Juden als „Brunnenvergifter“, das in der Geschichte mehrfach Pogrome gegen jüdische Gemeinden auslöste.

Unnötig hervorzuheben ist, dass Israel mit Netanjahu natürlich alleine auf der Anklagebank im Park sitzt; Palästinenser, arabische Staaten oder der Iran bleiben unsichtbar, sie stehen ja auf der Opferseite.

Und wieder gab es heftigen Protest für die vorgenommene Umdeutung. Georg Kreislers Tochter Sandra Kreisler schrieb an die Redaktion: „Wie kann man nur eine Zeichnung veröffentlichen, die den Namen und die Arbeit meines Vaters in Zusammenhang mit einer Meinung stellt, die erstens deutlich NICHT die seine war, zweitens KEINERLEI Verbindung mit dem zitierten Lied hat und drittens rein inhaltlich ebenso antisemitisch wie inhaltlich falsch ist.“ Der stellvertretende Chefredakteur Michael Maurer antwortete, er „bedauere es, dass Sie sich durch die Karikatur verletzt fühlen. Das war weder die Absicht des Karikaturisten noch die der Redaktion.“

Immerhin nicht nur ein Bedauern, sondern das Eingeständnis eines Fehlers, „für den wir um Entschuldigung bitten“, äußerte der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Wolfgang Krach, nachdem sein Blatt im Mai diesen Jahres eine Karikatur ihres Zeichners Dieter Hanitzsch, gedruckt hatte, die Benjamin Netanjahu in Gestalt der israelischen Gewinnerin des Eurovision Song Contest, Netta, zeigte: Er hält eine Rakete in der Hand und in der Sprechblase steht: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Auf der Rakete ist ein Davidstern abgebildet, im Schriftzug „Eurovision Song Contest“ ersetzt ein Davidstern das „v“.

In der Folge der Proteste, in die sich sogar der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, einfügte, beendete die „Süddeutsche Zeitung“ ihre Zusammenarbeit mit Hanitzsch. Klein hatte kritisiert: „Hier werden Assoziationen an die unerträglichen Zeichnungen der nationalsozialistischen Propaganda geweckt. Auch wenn Karikaturen ironisieren und provozieren sollen, ist hier eine rote Linie überschritten worden.“

Im Juni 2018 beschied der Deutsche Presserat die eingereichten Beschwerden: Die Karikatur „ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Die Grenze zur Diskriminierung von Juden sei nicht überschritten worden.“

Die Diskussion um Antisemitismus in der Zeitungspresse schwappte im Juli auch nach Thüringen. Am Montag, dem 23.07.2018, nahm Rezensentin Dr. Ursula Mielke ihren Bericht in der „Thüringer Allgemeinen“ und der „Thüringischen Landeszeitung“ über ein Konzert des deutsch-israelischen Kadya Jugendchores im Rahmen des Yiddish Summer Weimar zum Anlass, mit dem Festival jiddischer Lebenswelten insgesamt abzurechnen: „Künstlich muss man nichts, aber auch gar nichts am Leben erhalten.“ „Künstlich“ war ihr die Finanzierung der Festspiele, „weil alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten“ und darum bei uns „das Geld für allseits sehr gut begründbare Projekte noch locker fließt“. Das sei auch der Grund, warum der Festivalmacher Alan Berg sein Projekt „nicht in seinem großen, reichen Herkunftsland USA ansiedelt, sondern im kleinen Deutschland“.

Johannes Heil, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, urteilte anschließend zutreffend: Die Redakteurin schaffe es, „binnen weniger Zeilen das gesamte Repertoire modern gewendeter Antisemitismen einzuspielen. Ihre Codes lauten Schuld, Geld, Jude; im Subtext klingen Ostküste, Wall Street, Hochfinanz, Blutsauger und auch Höckes Schandmal an. Das ist mehr als die Rede von »klein« gegen »reich«. Hier erklingt eine musikalische Variante der »Auschwitzkeule«, mit am Ende stets demselben Refrain: dass der Holocaust den Juden immer noch gut genug sei, um damit Kasse zu machen.“

Auch hier ähnelten die Reaktionen den zuvor beschriebenen. Chefredakteur Johannes M. Fischer bat für die „Thüringer Allgemeine“ „alle, die sich verletzt fühlen“ um Entschuldigung. Der „Artikel mit antisemitischen Äußerungen … hätte nie erscheinen dürfen.“ Und die Funke-Mediengruppe, zu der die Thüringer Zeitungen gehören, äußerte, „die Autorin dürfe in Zukunft nicht mehr in den Zeitungen der Gruppe publizieren“.

Angesichts der Karikaturen und Texte, deren Vorstellung hier keine vollständige sein will, wird ein Handlungsmuster erkennbar. Redaktionen und Chefredakteure vermögen das antisemitische Potential der von ihnen gedruckten Beiträge nicht zu erkennen. Warum eigentlich nicht?

Hinterher, wenn „das Kind in den Brunnen gefallen“ ist, drückt man eilfertig Bedauern aus oder bittet um Entschuldigung. Angesichts der Häufung der Vorgänge kam es zuletzt zunehmend zur Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Autorin oder Zeichner.
Die Frage nach der Verantwortung und dem journalistischen Handeln der Redakteure aber bleibt und wartet auf glaubwürdige Antwort.

Ricklef Münnich

100. Geburtstag von Estrongo Nachama sel.A.

Anlässlich des bevorstehenden Wechsels von Rabbiner Alexander Nachama von der Elbe an die Erfurter Gera kamen wir hier kürzlich auf seinen Großvater zu sprechen. Morgen, am 4. Mai 2018, würde Estrongo Nachama 100 Jahre alt werden.

Aus diesem Anlass hat die Journalistin Claudia Keller über den einstigen Oberkantor und seine Frau Lilli im Verlag Hentrich & Hentrich eine „Jüdische Miniatur“ verfasst, auf die wir gerne aufmerksam machen.

Claudia Keller
Lilli und Estrongo Nachama
Zwei Solisten – ein Paar
80 Seiten, Broschur, 17 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-268-5, EUR 8,90
Jüdische Miniaturen Bd. 223

Die Verlagsankündigung: „Estrongo Nachama wurde am 4. Mai 1918 in Saloniki geboren und war von 1947 bis 2000 Kantor und später Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Mit seiner warmen Baritonstimme füllte er Konzertsäle und Stadthallen und begeisterte Zuhörer in West- und Ostdeutschland. Estrongo Nachama war aber noch viel mehr als ein großartiger Sänger, Vorbeter und mitreißender Entertainer: Er war die Seele der jüdischen Gemeinschaft. Ihm und seiner Frau Lilli gelang es, in Berlin Wurzeln zu schlagen und eine Familie zu gründen. Das war nicht selbstverständlich, denn die Nationalsozialisten hatten ihnen fast alles geraubt, woran ihr Herz hing. Die beiden fanden sehr ungewöhnliche Wege, um sich eine neue Heimat zu schaffen. Sie erzählen viel über die Hoffnungen, Sehnsüchte und Abgründe zweier Menschen, die versuchten zu leben, nachdem sie überlebt hatten.“

Rabbiner Alexander Nachama wechselt nach Erfurt

Zum 1. September 2018 bekommt die Jüdische Landesgemeinde Thüringen einen neuen Rabbiner. Es ist Alexander Nachama, der von Dresden in die Landeshauptstadt Erfurt wechselt.

Der Name Nachama hat vor allem bei den „alteingesessenen“ Gemeindegliedern der Zeit vor 1989, von denen es freilich nicht mehr sehr viele gibt, einen guten und vertrauten Klang. War es doch Estrongo Nachama sel. A., der frühere Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der zu DDR-Zeiten immer wieder mal nach Erfurt fuhr, wenn er gebraucht wurde: Zu einer Bar Mizwa in der Synagoge am Juri-Gagarin-Ring oder zu einer Beisetzung auf dem Jüdischen Friedhof an der Werner-Seelenbinder-Straße. „Hat nichts als Singen im Sinn“, stand in seiner Stasi-Akte.

Rabbiner Alexander Nachama ist sein Enkel. Mit dem Rabbinerberuf setzt er die Familientradition fort. Sein Vater, der Historiker Prof. Dr. Andreas Nachama, amtiert als Rabbiner ehrenamtlich in der Berliner liberalen Synagoge Herbartstraße. Auch in der Zuordnung innerhalb der religiösen Richtungen des Judentums (orthodox, liberal, reformiert, aschkenasisch oder sefardisch) setzt Alexander die Familienlinie fort.

In der liberalen Charlottenburger Synagoge in der Pestalozzistraße, in der Estrongo Nachama wirkte, sang er zur Orgel und ein Chor begleitete den Gottesdienst – undenkbar im „klassischen“ Judentum und natürlich vom christlichen Gottesdienst „abgeguckt“. Auch in der großen Erfurter Synagoge, die in der Nacht 9./10. November 1938 angezündet und niedergebrannt wurde, stand  eine Orgel. Hier wie in anderen Städten führte die Einführung der Orgel in den jüdischen Gottesdienst übrigens zur Spaltung in eine orthodoxe und eine liberale Gemeinde.

Insofern „passt“ Rabbiner Alexander Nachama natürlich nach Erfurt. Während der gegenwärtige Landesrabbiner Benjamin Kochan (in Erfurt seit 2015) der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) angehört, ist Rabbiner Nachama Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Alexander Nachama, geboren 1983 in Frankfurt am Main, erhielt im Februar 2005 in der berühmten amerikanischen Rabbiner- und Kantorenschule „Aleph“ seine Urkunde als Kantor. 2008 bekam er einen Bachelor in Judaistik (Freie Universität Berlin), 2013 einen Master (Universität Potsdam). Ab 2007 absolvierte er eine Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg mit Studienaufenthalten in Israel, unter anderem am Steinsaltz-Institut in Jerusalem. In seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit dem Anzünden der Schabbatkerzen. 2013 wurde er vom Abraham Geiger Kolleg zum Rabbiner ordiniert.

Gefragt, was seine wichtigsten Ziele sind, sagte er: „Das friedliche Zusammenleben aller Religionen und Konfessionen sowie die Normalisierung des Miteinander von jüdischen und nichtjüdischen Menschen in Deutschland.“

 

 

Reaktionen der Evangelischen Kirche im Rheinland

Kirchenrat Dr. Volker Haarmann, in der Evangelischen Kirche im Rheinland für den christlich-jüdischen Dialog zuständig, sandte der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen heute die folgende Reaktion auf die „Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen“ (Ricklef Münnich) zu der EKiR Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Datum im christlichen Kalender? Gottesdienst-Arbeitshilfe“

Als Evangelische Kirche im Rheinland sind wir, soweit uns bekannt, die einzige Landeskirche, die ihre Gemeinden durch einen entsprechenden Aufruf in Form der vorliegenden Arbeitshilfe dazu ermuntert, das siebzig jährige Jubiläum der Staatsgründung Israels auch im Rahmen von Gottesdiensten zu feiern: „Die Feierlichkeiten zur 70 jährigen Staatsgründung Israels […] sind auch für uns in der Evangelischen Kirche im Rheinland ein Grund zur Mitfreude“, so Präses Rekowski im Vorwort zu der Arbeitshilfe. (S. 3) – Dies nun als „Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen“ darzustellen, halten wir für unangemessen. Das Fragezeichen steht nicht, wie in der Stellungnahme aus der „AG Kirche und Judentum in Thüringen “ behauptet wird, „hinter der Gratulation“, sondern hinter der Frage, ob wir als Christinnen und Christen dieses Datum für unsere Gottesdienste wahrnehmen und bedenken sollten. Diese Frage wird im Essay von Dr. Rainer Stuhlmann bejaht (vgl. S. 4f).

Ja, die Arbeitshilfe mutet uns in der Tat zu, dass „in jedem Gebet“ neben der Freude auch das Leid in Israel und Palästina vor Gott gebracht wird. „Halte uns mit Israel und alle seine Bewohner zusammen / im Vertrauen auf dich, / und im Handeln nach deiner Weisung.“ (S. 12) Das muss man nicht als „griesgrämig“ und „zweifelnd“ abtun. Nahezu jeder Psalm der Bibel bringt Freude und Leid vor Gott.

Sich dieser Spannung auszusetzen, prägt auch den Text von Dr. Rainer Stuhlmann. Und das macht den Text einerseits so stark, aber eben im selben Moment auch angreifbar. Zitiert und kritisiert wird der Satz Rainer Stuhlmanns: „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ (S. 5) – Wer vor diesem Satz aus § 4 aber auch § 2 gelesen hat, wird nicht mehr meinen können, Rainer Stuhlmann sähe nicht, dass es die arabischen Staaten waren, die Israel angegriffen haben. In § 2 schreibt Stuhlmann klar und eindeutig: Israel „ist der einzige Staat, dessen Gründung mit einer Kriegserklärung all seiner Nachbarstaaten beantwortet wurde. Bis heute sprechen ihm viele arabische und islamische Staaten sein Existenzrecht ab.“ (S. 4)

Ein letztes: Ja, Rainer Stuhlmann bezeichnet auch die mehr als zwanzig Prozent arabische Bevölkerung in Israel als „Palästinenser“. Und dies nicht, wie in der Stellungnahme der AG unterstellt wird, um dadurch den Erhalt des Staates Israel in Frage zu stellen, sondern weil dies dem Selbstverständnis dieser Bevölkerungsgruppe in Israel entspricht. – Prof. Yohanna Katanacho, den die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche auf einer gemeinsam geplanten Reise mit dem Vorstand des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Nordrhein Ende dieser Woche in Israel getroffen hätte, legt hierauf großen Wert: Er ist, wie er sagt, stolzer israelischer Staatsbürger und Palästinenser. Das ist kein Widerspruch.

Für uns als rheinische Kirche ist es sehr bedauerlich, dass der Landesverband der Jüdischen Gemeinden heute unsere gemeinsame Reise abgesagt hat.

Volker Haarmann, EKiR Düsseldorf, 24.02.2018

Das von Dr. Haarmann zuletzt ausgesprochene Bedauern kommt in der am selben Tag von der EKiR herausgegebenen Pressemitteilung Nr. 72/2018 zum Ausdruck: „Reise nach Israel: Kirche bedauert Absage durch Jüdischen Landesverband“.

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) Manfred Rekowski

Präses Manfred Rekowski erklärt dort: „Gerade weil wir in vielen konstruktiven Gesprächen mit unseren jüdischen Partnern festgestellt haben, dass wir bei historischen und politischen Fragen auch unterschiedlicher Meinung sind, haben wir gemeinsam diese Reise nach Israel geplant, um Gemeinsamkeiten in unseren Positionen noch besser wahrnehmen zu können, aber auch Unterschiede präziser zu beschreiben“.  „Umso mehr bedauere ich die Entscheidung des Vorstands des Landesverbandes. Gerne hätten wir auch die Reise mit dem Landesverband für das Gespräch über diese kontroversen Themen genutzt. Dort, wo sachliche Kritik an der Arbeitshilfe geübt wird, beschäftigen wir uns selbstverständlich damit.“

„70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“ – Eine Stellungnahme

Die Fachgruppe Christen und Juden der Evangelischen Kirche im Rheinland hat eine Gottesdienst-Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“ veröffentlicht. Wesentlichen Aussagen dieser Schrift ist zu widersprechen. Deshalb  geben wir die folgende Stellungnahme ab.

In Israel hat man in der vergangenen Woche zwei Tage lang mit vielen Parties recht fröhlich die 70. Wiederkehr der Gründung des Staates gefeiert. Vielleicht auch nach dem Motto: Sorgen haben wir dann morgen wieder genug! Als evangelische Christin oder Christ musste man den israelischen Unabhängigkeitstag nicht unbedingt so ausgelassen mitfeiern wie in Israel; Ausgelassenheit gehört sowieso nicht zu den protestantischen Tugenden. Nach unserem Kalender haben wir den Geburtstag im Mai außerdem noch vor uns, die Einladungen dazu sind zusammen mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen schon verschickt.

Doch so griesgrämig, so zweifelnd wie die Evangelische Kirche im Rheinland kann man es wirklich nicht machen. Sie hat ihren Gemeinden eine „Arbeitshilfe“ zum Anlass geschickt und ein Fragezeichen hinter ihre Gratulation gesetzt: „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“. „Arbeitshilfe“ ist eine spezifisch kirchliche Literaturgattung. Für sie ist typisch ein Raunen der Sprache, hier schon im Vorwort: „Wir wissen um die besondere Bedeutung, die der Staat Israel auch für die jüdische Gemeinschaft bei uns … hat“ schreibt man, statt die Bedeutung zu benennen, oder: „Wir teilen die Freude über das Bestehen dieses Staates“ anstelle sich zu freuen.

Wirklich bedrückend ist jedoch, dass es beim Thema Israel für eine Landeskirche in Deutschland nicht ohne ein „sowohl … als auch“ zu gehen scheint. Keine Mitfreude ohne das Leiden der Palästinenser in jedem Abschnitt, in jedem Gebet des angefügte Gottesdienstentwurfes! Keine Frage, es gibt Leiden infolge der Gründung des Staates Israel. Doch ein konsequentes kirchliches „sowohl … als auch“ dürfte ebenso die Vertreibung von 750.000 Juden aus arabischen Staaten als eine der Folgen israelischer Unabhängigkeit nicht verschweigen. Jahrhundertealtes jüdisches Leben in muslimischer Kultur kam in der Folge an sein unwiederbringliches Ende.

Streiten über geschichtliche Wahrheiten kann man freilich nicht mehr, wenn das biblische Verbot falsch Zeugnis zu reden verletzt wird. „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ Nein, nicht der Plan, Arabern wie Juden einen eigenen Staat zu ermöglichen, führte zum Krieg, sondern arabisches Nein zu jeglichem jüdischen Staat – das im übrigen als palästinensisches Nein bis zum heutigen Tag andauert.

„Am Ende des Krieges hatten die Juden ihren Staat, der weit größer war, als es der Teilungsplan vorsah. Und die Palästinenser nichts.“ Nein! Denn wie sonst hätte Jerusalem bis 1967 eine geteilte Stadt werden können!

Die Falschaussagen liegen darin begründet, dass die „Arbeitshilfe“ den Begriff „Palästinenser“ unhistorisch und einem Narrativ der Fatah und Hamas folgend verwendet. Wenn die rheinische Kirche die mehr als 20 Prozent arabische Bevölkerung innerhalb der Grenzen des Staates Israel, die dieselben Rechte haben wie jeder Israeli, als „Palästinenser“ bezeichnet, betreibt sie ein Geschäft, das den Staat Israel nicht erhalten, sondern aufweichen will. Insofern ist die abschließende Gebetshoffnung, „dass gerechte und friedvolle Koexistenz zwischen beiden Völkern in diesem Land früher als in fünfzig Jahren möglich und länger als einhundertundzwanzig Jahre währen wird“, unehrlich.

Auch die Christen im Heiligen Land werden den Palästinensern zugeschlagen. Darum ist für die rheinische Kirche wegen zweier im Unabhängigkeitskrieg zerstörter christlich bewohnter arabischer Dörfer „die Staatsgründung Israels … ein Datum im christlichen Märtyrerkalender“. Hier wird palästinensische Terminologie des politischen und des Terrorkampfes (auch jeder Attentäter gilt dort als Märtyrer) in evangelische Gemeinden im Rheinland eingeführt.

Mit palästinensischer Theologie wird genauso verfahren: „Die palästinensischen Christen leben seit zweitausend Jahren im Land.“ Spätestens hier gibt es für eine Kirche keine Entschuldigung wegen Unwissenheit mehr. Nicht Palästinenser bildeten die Jüngerschaft des Jesus von Nazaret. Jüdinnen und Juden waren es, die die Botschaft vom auferweckten Christus zu den Völkern brachten, weil sie auf die Verwirklichung des biblisch angekündigten Friedens zwischen dem Volk Israel und den Völkern in der Jetztzeit hofften. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat mit ihrer „Arbeitshilfe“ jedoch in Zeiten christlich-jüdischer Vergegnung zurückgeführt, die man vergangen gehofft hatte. Sie hat einen Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen herausgegeben.

Ricklef Münnich