„Die Würde Luthers ist unantastbar”

Blinder_lutherDie Würde Luthers ist unantastbar – so titelte das Online-Magazin Local Times Erfurt, das schon am Nachmittag von der Aktion der „Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen“ zu Luthers Geburtstag am 10. November 2015 am Erfurter Luther-Denkmal  berichtete.

Bereits am Montag, dem 9. November, beschrieb Birgit Kummer in der Erfurter Ausgabe der „Thüringer Allgemeinen“ die Vorgeschichte:

Um eine von der Arbeitsgemeinschaft „Kirche und Judentum“ am heutigen Luther-Geburtstag geplante Veranstaltung am Luther-Denkmal auf dem Anger ist heftiger Streit entbrannt.
Die Initiatoren wollten während der „Aktionswochen gegen Antisemitismus“ die Judenfeindlichkeit Luthers thematisieren. Geplant: eine goldene Schärpe für seine Verdienste, eine Augenbinde für seine Blindheit. Und Plakate drumherum mit einer Auswahl von judenfeindlichen Sprüchen Luthers sowie den Verweis auf Judenverfolgung damals bis heute.
Ricklef Münnich, Sprecher des Arbeitskreises, sagt: „Im Mittelalter trug die Figur der ‚Synagoga‘ eine Augenbinde. Das jüdische Volk repräsentierend, stand sie der stolzen ‚Ecclesia‘, der Kirche, gegenüber. Durch die verbundenen Augen brachten die Christen die ‚Blindheit‘ des Judentums gegenüber Christus zum Ausdruck.“
Nun habe man für wenige Stunden auch Martin Luther an seinem 532. Geburtstag eine Augenbinde umbinden wollen, um seine „Blindheit“ gegenüber den Juden zu zeigen. Denn Luther habe sich den Juden verweigert, sie unflätig beschimpft und die Nationalsozialisten hätten sich darin auch auf Luther berufen.
Doch die Stadtverwaltung verbot die Aktion am Denkmal. „Inhaltlich finden wir die Aktion richtig“, sagt Ordnungsdezernent Alexander Hilge. „Doch das Denkmal als solches darf nicht benutzt werden.“ Das Ganze sei nicht als Kunstaktion, sondern Versammlung angemeldet worden. „Erlauben wir der Kirche, ein städtisches Denkmal als Versammlungsmittel zu nutzen, können das morgen auch andere tun. Auch die NPD oder die AfD.“
Ricklef Münnich kann das nicht verstehen. Auch Gestalter Ulrich Spannaus ist sauer: „Wie kleingeistig ist es, eine Aktion zu verbieten, die mit einem Denkmal des Reformators zum Denken anregen will.“ (…)
Man bleibe dabei, dass man sich heute 10.30 Uhr am Anger am Denkmal treffe. „Wir laden zu einer Veranstaltung über eine Veranstaltung, die nicht stattfinden kann.“

Am frühen Dienstag Morgen traf dann der Bescheid des Erfurter „Bürgeramtes“ ein. In diesem heißt es:

Bescheid Bürgeramt Erfurt 151110
photo_2015-11-10_12-11-01Noch unverständlicher freilich ist die Auflage der Stadtverwaltung, einen Buchtitel von 1938 nicht öffentlich zu zeigen. Es handelt sich um den Band „Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!“, mit dem der damalige Thüringer Landesbischof Martin Sasse gerade zwei Wochen nach der Pogromnacht im November 1938 die judenfeindlichen Schriften des Reformators neu herausgab. Im Vorwort jubelte Bischof Sasse: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen … In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der deutsche Prophet im 16. Jahrhundert … der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“
Im Bescheid wird zu der Darstellung des Buchtitels wie zu einer weiteren einer antisemitischen sog. Schulhof-CD festgestellt:
Das Zeigen der beiden benannten Plakate sind (sic!) geeignet den öffentlichen Frieden zu stören. Das Zeigen der Plakate mit diesen Inhalten kann bei einem unbeteiligten Dritten nicht unbedingt die künstlerische Aktion erkennbar werden lassen, sondern eher ein Verherrlichen des Dritten Reiches.
Am Treffendsten beurteilte die ganze Angelegenheit eigentlich der Berliner „Tagesspiegel“, bei dem sie es am Samstag, dem 7. November, gar auf die Seite 1 der Zeitung gebracht hatte:

Ah ja. Es hätte schlimmer kommen können, denn in Deutschland gibt es in solchen Fällen ein Schreiben mit Stempel und Widerspruchsbelehrung und eben keine Fatwa mit erbost spontanen Riesendemonstrationen auf der halben Welt, das ist schon mal schön. Aber sollte die Würde Luthers nicht doch aushalten, dass man ihn mal mit der schwarzen Seite seiner Macht konfrontiert?

Vermutlich ist die Erfurter Stadtverwaltung auch gar nicht an Luthers Vergangenheit interessiert, sondern hat einfach keine Lust auf heikle Sachen gehabt, von denen sie nichts versteht. Die AG sollte die Augenbinde vielleicht kurz mal ums Rathaus wickeln.

Daher kann eine weitere Kommentierung des Schildbürgerstreiches hier unterbleiben. Nur der Hinweis auf Medienberichterstattungen noch:

Und nun noch ein paar Bilder vom Vormittag am Lutherdenkmal:

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Lutherdenkmal_3Lutherdenkmal_2

 

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