Gedenkzeichen: „Wir sind in die Irre gegangen“

Gestern fand die Enthüllung eines Gedenkzeichens nahe der Eisenacher Bornstraße 11 statt. „Wir sind in die Irre gegangen.“ Dieses Schuldbekenntnis steht in weißen Buchstaben auf dem gut zwei Meter großen Mahnmal aus rostigem Stahl.

Dahinter hängt eine Tafel mit dem folgenden Text:

Am 6. Mai 1939 gründeten elf evangelische Landeskirchen in Eisenach das ,Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben’. Aufgabe dieses Instituts war es, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu tilgen, alle positiven Hinweise auf das Volk Israel und das Judentum aus der Heiligen Schrift zu entfernen sowie Lehre und gottesdienstliche Praxis der evangelischen Kirche an die nationalsozialistische Ideologie anzupassen. 

Im Namen sogenannter ,theologisch-völkischer Wissenschaft’ verfälschten die Mitarbeiter des Instituts dazu Wort und Sinn des Evangeliums, schürten den Hass gegen das Judentum und betrieben den Ausschluss von Christinnen und Christen jüdischer Herkunft aus der evangelischen Kirche. Sie trugen mit ihrer Arbeit dazu bei, die Verfolgung und millionenfache Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu rechtfertigen. 

Die Geschäftsstelle des ,Entjudungsinstituts‘ hatte ihren ersten Sitz nur wenige Meter von hier in der Bornstraße 11. Die Nachfolgerinnen der damals beteiligten Landeskirchen haben deshalb dieses Mahnmal hier errichten lassen als Bekenntnis ihrer Schuld und zur Erinnerung an die Opfer von Antijudaismus und Antisemitismus. 

Eisenach, den 6. Mai 2019

Die Löcher im Stahl des Mahn- und Umkehrzeichens sollen daran erinnern, wie das Institut sich daran versuchte, jüdische Teile des Neuen Testamentes und des evangelischen Gesangbuches zu entfernen. Gestaltung und Ausführung des Gedenkzeichens überzeugen unmittelbar. Auch die Veranstaltung selbst war in Musik und Worten der Landesbischöfin Ilse Junkermann und von Vertretern weiterer damals beteiligter Landeskirchen gelungen.

Einige kritische Bemerkungen mögen gleichwohl folgen – auch wenn sie nichts von dem positiven Eindruck abmarkten sollen.

Der Beauftragte der Landesregierung für jüdisches Leben in Thüringen und die Bekämpfung des Antisemitismus, Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, erklärte gestern:

„Die Entscheidung der Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, anlässlich des 80. Jahrestages der fatalen Gründung des sogenannten ‚Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben‘ am 6. Mai auf der Wartburg mit einer Gedenkinstallation und einer Fachtagung an die Rolle der evangelischen Kirchen im Nationalsozialismus zu erinnern, ist richtig und wichtig.“

Die etwas missverständliche Formulierung hinsichtlich des Ortes ist eine Lappalie, doch den folgenden Satz aus der Medieninformation der Staatskanzlei halte ich für bemerkenswerter:

„Anhand des sogenannten Entjudungsinstituts können entsprechende Argumentationsmuster, die auch heute noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden, identifiziert und dekonstruiert werden.“

Hier leuchtet die immer häufiger zum Ausdruck gebrachte Meinung auf, Geschichte würde sich einfach wiederholen, im speziellen gegenwärtig die nationalsozialistische. So einfach, wie der Minister meint, ist es nicht. Er müsste konkreter werden: Welche damaligen Argumentationsmuster, die „noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden“, meint Professor Hoff?

Der MDR bringt heute in seinem Veranstaltungsbericht denselben Satz, ohne eine Quelle zu benennen:

„Argumentationsmuster, die immer noch im gesellschaftlichen Diskurs Verwendung finden, müssen identifiziert werden.“

Leider scheint die tatsächliche Quelle solch simplifizierender Suche nach heutigen Parallelen eher eine kirchliche zu sein, und das ist mir das eigentliche Problem:

„In einer Zeit, in der Antisemitismus und Verschwörungstheorien, völkisches Denken und nationalistische Mythen wieder auf dem Vormarsch sind, muss mit aller Deutlichkeit daran erinnert werden, in welche Abgründe derartige Gedanken führen und welche gesellschaftliche Verantwortung die Kirche trägt.“

So wurde am 5. Mai Dr. Jochen Birkenmeier, der Wissenschaftliche Leiter und Kurator des Lutherhauses Eisenach, zitiert.

Dr. Birkenmeier spricht von unserer Zeit und es klingt so, als seien „haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter“ von damals noch immer oder wieder am Werke. Ohne derzeitigen Rechtsextremismus verharmlosen zu wollen – man kann als wissenschaftlicher Leiter einer von der EKM getragenen Einrichtung doch nicht einfach so tun, als wäre heute 1939! Das ist Verharmlosung der Tätigkeit des „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Es nimmt damit dem Schuldbekenntnis von 2019 etwas von seiner Ernsthaftigkeit.

llse Junkermann deutete, wenn auch nur im Nachgespräch im kleineren Kreise im Eisenacher „Glockenhof“, eine andere mögliche Parallele an hat, die tatsächlich bedenkenswert ist. Sie sprach davon, dass die Kirchen sich damals, um sich selbst zu behaupten, der nationalsozialistischen Mehrheit und Macht andienten und dafür das jüdische Evangelium preisgaben – später auch die Juden selbst in ihrer Mitte. Und ob die Kirchen nicht heute wiederum in der Gefahr stünden, um ihrer Selbstbehauptung willen den Mehrheitsmeinungen in Politik und Gesellschaft zu folgen. – Genau das hat jedoch hat Jochen Birkenmeier getan!

Eisenach, Bornstraße 11, erster Sitz des „Entjudungsinstitutes“. Dort war später das Predigerseminar der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen zuhause. Bereits 1994 lud dieses unter seinem Rektor Dr. Günter Reese zu einem Studientag unter dem Titel „Wir sind in die Irre gegangen“ ein. Ab 1997 setzte Rektor Michael Dorsch die Reihe der Studientage zum früheren Ungeist des Ortes jährlich fort.

Dank Landesbischöfin Ilse Junkermann und gelungener Planung und Vorbereitung war die Enthüllung des Gedenkzeichens eine wichtige, wenn auch überfällige Veranstaltung –  die Bemühungen darum reichen zeitlich sehr weit zurück, bis in die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen. Doch es gibt hier sicherlich kein „zu spät“ – auch wenn es mir, wie angedeutet, scheinen mag, als habe jetzt der Zeitgeist die Sache befördert.

Nur eine kleine Anmerkung noch zum Text der Tafel: Eigentlich hatte man 1939 nicht „die jüdischen Wurzeln des Christentums“ tilgen wollen, sondern das jüdische Christentum. Im Kern ist das Christentum jüdisch. Also tilgte man letztlich das Christentum selbst.

Prof. Susannah Heschel hat, gerade erneut publiziert, darauf hingewiesen:

„Zusammen mit anderen Nazis hatte Alfred Rosenberg die Schwierigkeit dieser Aufgabe (das Jüdische aus dem Christlichen zu entfernen) erkannt und machte die Anstrengungen der christlichen Theologen lächerlich. Er behauptete, dass nichts mehr übrig bliebe, wenn man das Jüdische vom Christlichen wegnimmt.“

Und da hatte Rosenberg ausnahmsweise einmal recht…

Ricklef Münnich

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