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Reaktionen der Evangelischen Kirche im Rheinland

Kirchenrat Dr. Volker Haarmann, in der Evangelischen Kirche im Rheinland für den christlich-jüdischen Dialog zuständig, sandte der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen heute die folgende Reaktion auf die „Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen“ (Ricklef Münnich) zu der EKiR Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Datum im christlichen Kalender? Gottesdienst-Arbeitshilfe“

Als Evangelische Kirche im Rheinland sind wir, soweit uns bekannt, die einzige Landeskirche, die ihre Gemeinden durch einen entsprechenden Aufruf in Form der vorliegenden Arbeitshilfe dazu ermuntert, das siebzig jährige Jubiläum der Staatsgründung Israels auch im Rahmen von Gottesdiensten zu feiern: „Die Feierlichkeiten zur 70 jährigen Staatsgründung Israels […] sind auch für uns in der Evangelischen Kirche im Rheinland ein Grund zur Mitfreude“, so Präses Rekowski im Vorwort zu der Arbeitshilfe. (S. 3) – Dies nun als „Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen“ darzustellen, halten wir für unangemessen. Das Fragezeichen steht nicht, wie in der Stellungnahme aus der „AG Kirche und Judentum in Thüringen “ behauptet wird, „hinter der Gratulation“, sondern hinter der Frage, ob wir als Christinnen und Christen dieses Datum für unsere Gottesdienste wahrnehmen und bedenken sollten. Diese Frage wird im Essay von Dr. Rainer Stuhlmann bejaht (vgl. S. 4f).

Ja, die Arbeitshilfe mutet uns in der Tat zu, dass „in jedem Gebet“ neben der Freude auch das Leid in Israel und Palästina vor Gott gebracht wird. „Halte uns mit Israel und alle seine Bewohner zusammen / im Vertrauen auf dich, / und im Handeln nach deiner Weisung.“ (S. 12) Das muss man nicht als „griesgrämig“ und „zweifelnd“ abtun. Nahezu jeder Psalm der Bibel bringt Freude und Leid vor Gott.

Sich dieser Spannung auszusetzen, prägt auch den Text von Dr. Rainer Stuhlmann. Und das macht den Text einerseits so stark, aber eben im selben Moment auch angreifbar. Zitiert und kritisiert wird der Satz Rainer Stuhlmanns: „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ (S. 5) – Wer vor diesem Satz aus § 4 aber auch § 2 gelesen hat, wird nicht mehr meinen können, Rainer Stuhlmann sähe nicht, dass es die arabischen Staaten waren, die Israel angegriffen haben. In § 2 schreibt Stuhlmann klar und eindeutig: Israel „ist der einzige Staat, dessen Gründung mit einer Kriegserklärung all seiner Nachbarstaaten beantwortet wurde. Bis heute sprechen ihm viele arabische und islamische Staaten sein Existenzrecht ab.“ (S. 4)

Ein letztes: Ja, Rainer Stuhlmann bezeichnet auch die mehr als zwanzig Prozent arabische Bevölkerung in Israel als „Palästinenser“. Und dies nicht, wie in der Stellungnahme der AG unterstellt wird, um dadurch den Erhalt des Staates Israel in Frage zu stellen, sondern weil dies dem Selbstverständnis dieser Bevölkerungsgruppe in Israel entspricht. – Prof. Yohanna Katanacho, den die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche auf einer gemeinsam geplanten Reise mit dem Vorstand des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Nordrhein Ende dieser Woche in Israel getroffen hätte, legt hierauf großen Wert: Er ist, wie er sagt, stolzer israelischer Staatsbürger und Palästinenser. Das ist kein Widerspruch.

Für uns als rheinische Kirche ist es sehr bedauerlich, dass der Landesverband der Jüdischen Gemeinden heute unsere gemeinsame Reise abgesagt hat.

Volker Haarmann, EKiR Düsseldorf, 24.02.2018

Das von Dr. Haarmann zuletzt ausgesprochene Bedauern kommt in der am selben Tag von der EKiR herausgegebenen Pressemitteilung Nr. 72/2018 zum Ausdruck: „Reise nach Israel: Kirche bedauert Absage durch Jüdischen Landesverband“.

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) Manfred Rekowski

Präses Manfred Rekowski erklärt dort: „Gerade weil wir in vielen konstruktiven Gesprächen mit unseren jüdischen Partnern festgestellt haben, dass wir bei historischen und politischen Fragen auch unterschiedlicher Meinung sind, haben wir gemeinsam diese Reise nach Israel geplant, um Gemeinsamkeiten in unseren Positionen noch besser wahrnehmen zu können, aber auch Unterschiede präziser zu beschreiben“.  „Umso mehr bedauere ich die Entscheidung des Vorstands des Landesverbandes. Gerne hätten wir auch die Reise mit dem Landesverband für das Gespräch über diese kontroversen Themen genutzt. Dort, wo sachliche Kritik an der Arbeitshilfe geübt wird, beschäftigen wir uns selbstverständlich damit.“

Folge der Arbeitshilfe: Absage gemeinsamer Israelreise

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein K.d.ö.R. hat in einer Pressemitteilung heute die „Absage der gemeinsamen Reise der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein nach Israel“ erklärt:

Die geplante gemeinsame Reise der Evangelischen Kirche im Rheinland (EkiR) und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein vom 26.-29. April nach Israel findet nicht statt. Der Vorstand des Landesverbandes hat sich einstimmig zu der Absage entschieden. Eine Delegation des Vorstands und der Geschäftsführung wird in dieser Zeit dennoch Israel besuchen.

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein und die Evangelische Kirche im Rheinland arbeiten seit geraumer Zeit in einem konstruktiven Dialog zusammen. Das erklärte Ziel der Zusammenarbeit war und ist, den Dialog zwischen Christen und Juden in Deutschland zu verbessern sowie diesen zu einem besseren Verständnis für beide Seiten zu nutzen. Im Rahmen dieses Ziels entwickelte sich die Idee, eine gemeinsame Reise nach Israel zu unternehmen.

Hintergrund der nun kurzfristig erfolgten Absage ist ein Essay von Rainer Stuhlmann in der kürzlich veröffentlichten EKiR-Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin auch im christlichen Kalender?“. „Wir wissen es sehr zu schätzen, dass die Evangelische Kirche im Rheinland als einzige evangelische Landeskirche anlässlich des 70. Jubiläums des Staates Israel eine Arbeitshilfe herausgegeben hat. Wir sehen darin einen Beleg des langjährigen konstruktiven Dialogs miteinander“, so der Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, Dr. Oded Horowitz. „Umso mehr hat uns der darin enthaltene Beitrag 70 Jahre Staat Israel – ein Datum im christlichen Kalender? bestürzt und traurig zurückgelassen. Die darin geäußerte Verunglimpfung des Staates Israel als brutale Besatzungsmacht und die Unterschlagung historischer Fakten sind für uns nicht hinnehmbar. Zur 70. Jubiläumsfeier der Gründung des Staates Israel auf die Lebenslage der palästinensischen Bevölkerung als direktes Resultat der Staatgründung Israels zu verweisen, stellt das Existenzrecht Israels in Frage und hinterlässt einen faden Beigeschmack antizionistischer Stereotype.

Dies führte zu einer Hinterfragung der Grundlage unserer gemeinsamen Unternehmung. Dass es sich um einen namentlich gekennzeichneten Beitrag und nicht um eine Grundlagenerklärung der Landeskirche handelt, hat mir Präses Manfred Rekowski in persönlichen Gesprächen versichert. Zur Aufrechterhaltung der gemeinsamen Reisepläne wäre für uns eine unmissverständliche Erklärung der Kirchenleitung bzw. Distanzierung zu dem Artikel notwendig gewesen, die genau dies ausdrückt. Nachdem hierzu kein Übereinkommen erzielt werden konnte, haben wir uns als Vorstand des Landesverbandes entschieden, die gemeinsame Reise nicht anzutreten. Wir stehen jedoch weiterhin für die regelmäßig stattfindenden Konsultationen mit der EKiR zur Verfügung und hoffen, den wichtigen und konstruktiv-kritischen Dialog in diesem sinnträchtigen Jubiläumsjahr zu einem gegebenen Zeitpunkt wieder aufnehmen zu können.“

Inzwischen sind die Planungen für eine eigene Israel-Reise des Landesverbandes anlässlich des Staatsjubiläums und als Zeichen der Solidarität mit Israel angelaufen.

„70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“ – Eine Stellungnahme

Die Fachgruppe Christen und Juden der Evangelischen Kirche im Rheinland hat eine Gottesdienst-Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“ veröffentlicht. Wesentlichen Aussagen dieser Schrift ist zu widersprechen. Deshalb  geben wir die folgende Stellungnahme ab.

In Israel hat man in der vergangenen Woche zwei Tage lang mit vielen Parties recht fröhlich die 70. Wiederkehr der Gründung des Staates gefeiert. Vielleicht auch nach dem Motto: Sorgen haben wir dann morgen wieder genug! Als evangelische Christin oder Christ musste man den israelischen Unabhängigkeitstag nicht unbedingt so ausgelassen mitfeiern wie in Israel; Ausgelassenheit gehört sowieso nicht zu den protestantischen Tugenden. Nach unserem Kalender haben wir den Geburtstag im Mai außerdem noch vor uns, die Einladungen dazu sind zusammen mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen schon verschickt.

Doch so griesgrämig, so zweifelnd wie die Evangelische Kirche im Rheinland kann man es wirklich nicht machen. Sie hat ihren Gemeinden eine „Arbeitshilfe“ zum Anlass geschickt und ein Fragezeichen hinter ihre Gratulation gesetzt: „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“. „Arbeitshilfe“ ist eine spezifisch kirchliche Literaturgattung. Für sie ist typisch ein Raunen der Sprache, hier schon im Vorwort: „Wir wissen um die besondere Bedeutung, die der Staat Israel auch für die jüdische Gemeinschaft bei uns … hat“ schreibt man, statt die Bedeutung zu benennen, oder: „Wir teilen die Freude über das Bestehen dieses Staates“ anstelle sich zu freuen.

Wirklich bedrückend ist jedoch, dass es beim Thema Israel für eine Landeskirche in Deutschland nicht ohne ein „sowohl … als auch“ zu gehen scheint. Keine Mitfreude ohne das Leiden der Palästinenser in jedem Abschnitt, in jedem Gebet des angefügte Gottesdienstentwurfes! Keine Frage, es gibt Leiden infolge der Gründung des Staates Israel. Doch ein konsequentes kirchliches „sowohl … als auch“ dürfte ebenso die Vertreibung von 750.000 Juden aus arabischen Staaten als eine der Folgen israelischer Unabhängigkeit nicht verschweigen. Jahrhundertealtes jüdisches Leben in muslimischer Kultur kam in der Folge an sein unwiederbringliches Ende.

Streiten über geschichtliche Wahrheiten kann man freilich nicht mehr, wenn das biblische Verbot falsch Zeugnis zu reden verletzt wird. „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ Nein, nicht der Plan, Arabern wie Juden einen eigenen Staat zu ermöglichen, führte zum Krieg, sondern arabisches Nein zu jeglichem jüdischen Staat – das im übrigen als palästinensisches Nein bis zum heutigen Tag andauert.

„Am Ende des Krieges hatten die Juden ihren Staat, der weit größer war, als es der Teilungsplan vorsah. Und die Palästinenser nichts.“ Nein! Denn wie sonst hätte Jerusalem bis 1967 eine geteilte Stadt werden können!

Die Falschaussagen liegen darin begründet, dass die „Arbeitshilfe“ den Begriff „Palästinenser“ unhistorisch und einem Narrativ der Fatah und Hamas folgend verwendet. Wenn die rheinische Kirche die mehr als 20 Prozent arabische Bevölkerung innerhalb der Grenzen des Staates Israel, die dieselben Rechte haben wie jeder Israeli, als „Palästinenser“ bezeichnet, betreibt sie ein Geschäft, das den Staat Israel nicht erhalten, sondern aufweichen will. Insofern ist die abschließende Gebetshoffnung, „dass gerechte und friedvolle Koexistenz zwischen beiden Völkern in diesem Land früher als in fünfzig Jahren möglich und länger als einhundertundzwanzig Jahre währen wird“, unehrlich.

Auch die Christen im Heiligen Land werden den Palästinensern zugeschlagen. Darum ist für die rheinische Kirche wegen zweier im Unabhängigkeitskrieg zerstörter christlich bewohnter arabischer Dörfer „die Staatsgründung Israels … ein Datum im christlichen Märtyrerkalender“. Hier wird palästinensische Terminologie des politischen und des Terrorkampfes (auch jeder Attentäter gilt dort als Märtyrer) in evangelische Gemeinden im Rheinland eingeführt.

Mit palästinensischer Theologie wird genauso verfahren: „Die palästinensischen Christen leben seit zweitausend Jahren im Land.“ Spätestens hier gibt es für eine Kirche keine Entschuldigung wegen Unwissenheit mehr. Nicht Palästinenser bildeten die Jüngerschaft des Jesus von Nazaret. Jüdinnen und Juden waren es, die die Botschaft vom auferweckten Christus zu den Völkern brachten, weil sie auf die Verwirklichung des biblisch angekündigten Friedens zwischen dem Volk Israel und den Völkern in der Jetztzeit hofften. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat mit ihrer „Arbeitshilfe“ jedoch in Zeiten christlich-jüdischer Vergegnung zurückgeführt, die man vergangen gehofft hatte. Sie hat einen Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen herausgegeben.

Ricklef Münnich

Thüringen trägt Kippa

Wir schließen uns dem Aufruf aus Berlin an! Wenn Israelis und Juden verbal und körperlich angegriffen werden, weil sie Kippa tragen, dann sind wir alle angegriffen.

Darum kommt am Mittwoch, dem 25. April, nach Erfurt! Wir treffen uns um 10.30 Uhr an der Mikwe bei der Krämerbrücke.

Wer keine Kippa mitbringen kann, bekommt eine; auch Frauen. Denn es geht um ein Zeichen der Gemeinsamkeit und Solidarität gegen Judenhass und Israelfeindschaft.

Miteinander gehen wir den Weg durch die Innenstadt zur Synagoge der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Damit zeigen wir, dass es dazu gehört und selbstverständlich bleibt, in Deutschland in der Öffentlichkeit eine jüdische Kopfbedeckung zu tragen.

Wer nicht nach Erfurt kommen kann, trägt ebenfalls am Mittwoch sichtbar eine Kippa. So setzen wir ein wichtiges Zeichen!

Blickpunkt „Jerusalem im Gebet“

Jerusalem ist wieder Thema.
Nein, Jerusalem ist immer Thema!

Deshalb laden die Jüdische Landesgemeinde Thüringen und die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum zu einer neuen Veranstaltungsreihe ein: „Blickpunkt Jerusalem“. Mit ihr können Fragen und Erscheinungen der Gegenwart wie die Debatte um Jerusalem als Hauptstadt Israels oder die rasant anwachsende Besucherzahl an der Umfassungsmauer des früheren Tempels („Klagemauer“) in größere Zusammenhänge eingeordnet werden.

Rabbiner Zsolt Balla spricht am Mittwoch, dem 25. April 2018, um 19 Uhr, über
Jerusalem im jüdischen Gebet
Vortragsort: Kultur- und Bildungszentrum der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Juri-Gagarin-Ring 21, 99084 Erfurt

Gott im Gebet zu preisen gehört zum Leben eines gläubigen Juden, ist tägliches Bedürfnis. Im Gebet kommt Jerusalem als Ort, an dem der jüdische Tempel stand und die Priester Dienst taten, sehr große Bedeutung zu. Es ist der Ort, von dem alle Gebete zum Himmel aufsteigen. So hat Jerusalem einen besonderen Klang in der jüdischen Liturgie bekommen. Herzliche Einladung, etwas davon zu erlauschen!

Zsolt Balla ist in Budapest, Ungarn, geboren. Er hat einen M. Sc als Wirtschaftsingenieur und sammelte früh Erfahrungen als Dozent bei jungen jüdischen Lerngruppen. Im Jahr 2009 schloss er seine Ausbildung als Rabbiner am Rabbinerseminar zu Berlin ab. Außerdem ist er Kantor und Musiker. Seit 2010 lebt er mit seiner Frau Marina und zwei Töchtern in Leipzig, wo er als Gemeinderabbiner tätig ist.

Ein Plakat zur Veranstaltung zum Ausdruck und zur Weitergabe steht zum Download bereit.

Alle Themen und Termine der Reihe:

  • 21. Februar 2018: Prof. Dr. Günter Stemberger (Wien), Die Bedeutung Jerusalems und des Tempels im rabbinischen Judentum
  • 25. April 2018: Rabbiner Zsolt Balla (Leipzig), Jerusalem im jüdischen Gebet
  • 20. Juni 2018: Pfarrer Teja Begrich (Mühlhausen), Jerusalem im Evangelischen Gesangbuch (zusammen mit Christian Kropp)
  • 29. August 2018: Georg Rössler (Jerusalem), Warum haben wir (alle) Aktien in Jerusalem?
  • 17. Oktober 2018: Pfarrer i.R. Ricklef Münnich, Hinauf nach Jerusalem. Die heilige Stadt im Neuen Testament

Zum Jahreswechsel 2017/2018

Im Namen unserer Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum danke ich für alle Unterstützung und die Zusammenarbeit im zu Ende gehenden Jahr 2017!

Ich erinnere besonders an unser Zentrum Juden und Christen beim Erfurter Kirchentag auf dem Weg. Dank vieler Helferinnen und Helfer, vor allem aber durch die umfassende Unterstützung seitens der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen gestaltete sich dieses nicht nur zu einem Erfolg, sondern zu einer neuen Phase vertrauensvollen Miteinanders von Juden und Christen. Dieses wurde nur möglich, weil die kirchliche Seite bereit war, das Reformationsgedenken zu einem kritischen Nachdenken über die Grenzen und die Schattenseiten Martin Luthers in seinem Verhältnis zum jüdischen Volk insgesamt und zu zeitgenössischen Juden im Besonderen auszuweiten.

Nicht nur der Rückblick auf die Reformation und ihre Folgen, sondern auch die Gegenwart jüdischen Lebens in Thüringen war beim Kirchentag Thema: Das CJD Erfurt führte Kinder, Jugendliche und die Besucher des Zentrums – auch mit Hilfe von Rabbiner Benjamin Kochan – an das Konzept koscheren Essens heran.

Heute am Jahresende stehen wir leider nun vor ganz neuen Herausforderungen. Auf jede kleine Regung der USA, um eine festgefahrene, schwierige nahöstliche Politik in Bewegung zu bringen, wird sofort mit antisemitischen Ausschreitungen in Europa und selbst in Deutschland reagiert. In Berlin wurden Fahnen mit dem Davidsstern verbrannt. Ein Großeinsatz der Polizei in und vor der Erfurter Synagoge zeigt, wie sensibel die Situation ist und dass andere, weniger Wohlmeinende wissen und ausnützen, dass sie es ist.

Jetzt ist die Zeit, ein neues Konzept koscheren Lebens von Christen im Verhältnis zu Juden in ihrer Mitte aufzubauen und umzusetzen. Dieses bedeutet:

Wer Juden verbal oder tätlich angreift, wer den Staat Israel als sichere Heimstatt jüdischer Existenz in Frage stellt, der greift uns an, der stellt unsere Lebenswirklichkeit in Frage!

Das Jahr 2018 wird davon bestimmt sein, zu klären und zu leben, was die bisherigen Angriffe auf uns bedeuten und wie wir zu reagieren haben.

Gleichwohl wünsche ich allen Leserinnen und Lesern, Deutschland, Israel und unserer einzigen und gemeinsamen Welt von Herzen ein friedliches bürgerliches Jahr 2018!

Ricklef Münnich

Die Stadt, in der Jesus gewesen sein soll

Es wird Zeit, dass sich unsere evangelischen Bischöfe zu Wort melden! Denn deutsche Medien beginnen, Zweifel an der geschichtlichen Substanz von Judentum und Christentum auszusäen. Von den palästinensischen Wortführern kennen wir es seit Jahren: Sie leugnen jede historische und religiöse Verbindung der Juden zu Jerusalem.

Westmauer mit „Felsendom“ in Jerusalem

Im vergangenen Jahr folgte bereits die Unesco der Umschreibung der Geschichte. Sie verabschiedete einen Text, der den jüdischen Charakter des Jerusalemer Tempelberges komplett negiert. Darin wird der Ort lediglich als muslimische Stätte mit dem Namen „Al-Aksa Moschee/Al-Haram Al-Scharif und Umgebung“ bezeichnet. Der Platz an der Klagemauer, wo täglich Tausende Juden beten, wird „Al-Burak-Platz“ genannt.

Der Tempelberg ist laut Resolution der UN-Organisation, die sich um Kulturstätten weltweit kümmern soll, „palästinensisches Kulturerbe“, dessen „unverkennbarer Charakter zu bewahren“ sei.

Von der Unesco ist kaum mehr anderes zu erwarten, da nun seit Juli auch Hebron und seine Patriarchengräber, die von Juden, Christen und Muslimen verehrt werden und  in denen nach biblischer Überlieferung unter anderem die Stammväter Abraham und Isaak begraben sind, als „palästinensische Welterbestätten“ gelten.

Manches Gift wirkt schleichend. Aber es wirkt. Jetzt schreibt auch die von vielen als seriöse Quelle angesehene FAZ vom „Fels des heiligen Plateaus“ Haram al Scharif – „nach Mekka und Medina der heiligste Ort für Muslime“ –, „auf dem einige Jahrhunderte zuvor der zerstörte und wiedererrichtete und wieder zerstörte Tempel gestanden haben soll“.

Wenn der jüdische Tempel nicht innerhalb jenes Areals stand, der von Herodes dem Großen mit der noch sichtbaren Westmauer („Klagemauer“) umfasst worden war, dann stand er auf dem Planeten Erde nirgendwo.

Wenn es den jüdischen Tempel nicht gab, dann ist auch Jesus nicht dort gewesen, obgleich alle vier Evangelien des Neuen Testamentes dies berichten. Und dann ist er natürlich auch nicht gekreuzigt worden –  so wie er nach islamischer Überzeugung nicht am Kreuz gestorben ist. Im Koran (Sure 4,157) heißt es: „…während sie ihn doch weder erschlugen noch den Kreuzestod erleiden ließen. Sie haben keine Kenntnis davon, sondern folgen bloß einer Vermutung.“ (Sure 4,157) Es „schien ihnen nur so“, sagt der Koran, eine Kreuzigung zu sein, doch in Wirklichkeit sei niemand gekreuzigt worden, stattdessen habe Gott Jesus zu sich geholt.

Das mag ein religiöser Muslim so glauben und denken. In einem säkularen Deutschland sollte freilich niemand in Politik, Kultur und Öffentlichkeit der palästinensisch-islamischen Umschreibung und Negierung von Geschichte folgen.

Im „Entjudungsinstitut“ strichen die NS-Protestanten das Alte Testament

Das Lutherhaus in Eisenach dokumentiert den Judenhass des Reformators und die Mühen von NS-Protestanten, Juden aus der Bibel zu tilgen.

Die Süddeutsche Zeitung stellt in ihrer Online-Ausgabe die neu eröffnete Ausstellung in der Wartburgstadt vor. Rudolf Neumeier schreibt:

Foto: bbsMEDIEN - Anna-Lena Thamm

Foto: bbsMEDIEN – Anna-Lena Thamm

Die evangelische Kirche in Deutschland hat sich in der vergangenen Woche von Martin Luthers Judenfeindlichkeit distanziert. Die Meldung klang etwas skurril. Der Reformator Luther wirkte vor 500 Jahren. Die deutschen Protestanten brauchten also ein halbes Jahrtausend, um Luthers dumpfe Seite wahrzunehmen. Sie sprechen „hinsichtlich des Versagens der Kirchen gegenüber dem Judentum“ von einem Lernprozess, der nach 1945 eingesetzt habe.

Ein ziemlich zäher Prozess, denn er dauert nun auch schon wieder zwei Generationen. Andererseits: Es lässt sich als Lernerfolg verbuchen, dass die Protestanten nicht weitere 500 Jahre brauchen, um sich ihrer antisemitischen Vergangenheit im Nationalsozialismus zu stellen.

Das wiedereröffnete Lutherhaus in Eisenach schreitet voran: Es geht offensiv mit jener evangelischen Theologie um, die sich mit Aberwitz und Leidenschaft dafür einsetzte, den protestantischen Glauben an Hitler anzupassen.

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Jenaer Oberbürgermeister erklärt die Welt

albrecht-schroeterKlar, dass man als Stadtoberhaupt angesichts der Zahlen der unterzubringenden und zu versorgenden Flüchtlinge schon mal nervös werden kann. Doch Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter  (SPD) scheint die Orientierung gänzlich verloren zu haben.

Laut Ostthüringer Zeitung vom 18. September 2015  machte er die Außenpolitik der USA und Deutschlands, insbesondere „die islamfeindliche US-Politik der vergangenen Jahrzehnte“ für die Flüchtlingskrise mitverantwortlich – anscheinend ohne etwas von dem „Kuschelkurs“ Präsident Obamas gegenüber dem Iran mitbekommen zu haben.

Aber nicht nur das: In der Tradition des klassischen Antisemitismus, der heute als Antiisraelismus daher zu kommen pflegt, tragen die Juden bzw. der Staat Israel die Schuld.

„Deutschland muss seine Rolle im Nahost-Konflikt ändern“, betonte Schröter im Kontext der Flüchtlingskrise. „Es muss aus seiner vornehmen Zurückhaltung gegenüber Israel als Besatzerstaat heraustreten.“

Bereits 2012 hatte sich Jenas Oberbürgermeister weg von der Kommunalpolitik hin zur Außenpolitik begeben, als er eine antiisraelische Boykottaktion unterstützte, mit der die katholische Organisation „pax Christi“ versuchte, den Vertrieb von „Waren aus völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen“ zu verhindern.

Vernünftig lässt sich nicht erklären, wie Albrecht Schröter zur Meinung kommt, ein Umdenken im deutsch-israelischen Verhältnis könne etwas beitragen dazu, dass „dass die Menschen wieder Anreize haben, in ihren Ländern zu bleiben“. So liegt wohl tatsächlich jene „moralische Überheblichkeit“ vor, die Vera Lengsfeld bei Albrecht Schröter diagnostizierte. Sie bezieht sich dabei auf den Holocaust-Überlebenden und Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész. Der schrieb schon vor zehn Jahren: „Europa kapituliert“, „nach Hitler steht hier ein Kontinent ohne Argumente: die Türen weit offen für den Islam“. „So geht es, wenn Überheblichkeit und Feigheit die beherrschenden Charakterzüge sind.“ Diese erkannte Kertész besonders „jetzt, da Europa sich offen zur Zerstörung Israels bekennt“. (Imre Kertész: Letzte Einkehr, Hamburg, 2015)

Nachtrag am 23.09.2015:

Nachtrag am 28.09.2015:

Judenfeindliche Übersetzung in Luthers Bibel wird korrigiert

BibelNach gut 30 Jahren erscheint 2017 wieder eine neue Version der Lutherübersetzung. Wissenschaftler und Theologen haben in den vergangenen fünf Jahren die bisherige Fassung an tausenden von Stellen überarbeitet. Nach Jahrzehnten der „Modernisierung“ der Sprache wurde jetzt eine Übersetzung erstellt, die der Sprache des Reformators die Treue hält.

Luther habe sich „mit großer Kenntnis und Gründlichkeit um Treue zu den Originaltexten bemüht“, und deshalb kehre man „nun des Öfteren auf der Basis heutiger wissenschaftlicher Quelleninterpretation zu Luthers Übersetzungen zurück, weil wir merken, dass er das Richtige traf“ – so Altbischof Prof. Dr. Christoph Kähler, der den Lenkungsausschuss leitet, der im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland die neue Durchsicht der Lutherbibel koordiniert.

Das gilt sogar bei einem Thema, wo die Theologie heute strikt auf Distanz zu Luther achtet, beim Verhältnis zu den Juden. Im zweiten Kapitel der Offenbarung geht es um üble Leute, die sich als Juden ausgeben, es aber nicht sind. Da stand 1545 bei Luther: „Sie sind Jüden / und sind’s nicht / sondern sind des Satans schule.“

Daraus wurde 1984 extrem antijudaistisch, jene Leute seien „die Synagoge des Satans“. Jetzt aber kommen die Exegeten zu dem Schluss, dass die Synagoge nicht gemeint war. Daher sei Luthers neutralere Übersetzung angemessener. 2017 wird die „Synagoge“ gestrichen. An ihre Stelle tritt die „Versammlung“ des Satans statt der sprachlich kühnen „Schule“ von Luther.