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Handlungsmuster des Bedauerns. Antisemitismus in den Zeitungsmedien

„In diesem Jahr ist doch manches anders“, resümiert Christoph Markschies in seinem Beitrag zum Israelsonntag 2018 in der Evangelischen Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz „die Kirche“:

„Der emeritierte Papst fragt, ob das, was evangelische und katholische Kirche seit Jahrzehnten gemeinsam über die ungekündigten Verheißungen für das jüdische Volk in ihren Grundtexten bekennen, vielleicht nicht doch zu wenig gründlich bedacht wurde. Ordinierte Pfarrer wissen nicht mehr, dass das Alte Testament wie in allen christlichen Kirchen seit 2 000 Jahren auch in der EKBO und in der ganzen Evangelischen Kirche in Deutschland der erste Teil der zweiteiligen christlichen Bibel ist. Und dann schlägt man noch seine Kirchenzeitung auf und findet eine ganz trübe Karikatur darin.“

Markschies bezog sich auf eine Karikatur, die die Kirchenzeitung am vorhergehenden Sonntag gedruckt hatte. Anlass war das vom israelischen Parlament, der Knesset, verabschiedete Nationalstaatsgesetz. Bischof Markus Dröge sah sich umgehend zu einer Distanzierung veranlasst: „Eine solche Karikatur in unserer Kirchenzeitung ist für mich vollkommen inakzeptabel! Hier wird mit Bildern suggeriert, es seien ,die Juden‘, die ,die Araber‘ in Israel beiseite drücken, aushungern, zerquetschen wollen. Gut und Böse sind klar verteilt.“

Verlag und Redaktion erkannten denn auch sofort, dass ihnen mit der Veröffentlichung „ein schwerer Fehler unterlaufen“ ist: „Der Abdruck ist in kritischer politischer Absicht gegenüber dem neuen Nationalstaatsgesetz geschehen – und bedeutet in der fatalen Annahme, dass es eine rein politische Karikatur in unserer Zeitung zu diesen Themen geben könnte, eine nicht zu entschuldigende Geschmacklosigkeit.“

Mit dieser Wertung ist der Vorgang zutreffend bezeichnet. Gerade angesichts der Urteile des Bundesverfassungsgerichtes in dieser Woche ist zu betonen, dass die Karikatur von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, die, wie das Gericht schon 1958 feststellte, „eines der vornehmsten Menschenrechte überhaupt“ und für unser freiheitlich-demokratische Staatsordnung „schlechthin konstituierend“ sei. Das oberste Gericht beeilte sich jetzt aber zugleich zu betonen, dass deshalb nicht jede nicht strafbare Äußerung gleich akzeptabel sei. Die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Freiheit und des Anstandes ist daher Aufgabe aller und kann nur im öffentlichen Diskurs geführt werden. Dazu sollen diese Zeilen einen Beitrag liefern.

In der Debatte um Kritik am Handeln der israelischen Regierung und insbesondere an Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist besonders darauf zu achten, ob und wie antisemitische Klischees, etwa in einer Karikatur, wiederaufgenommen und aktualisiert werden. Hier gab es in den vergangenen fünf Jahren durchaus einen roten Faden, den der Zeichner in „die Kirche“ fortgesponnen hat.

Im Juni 2013 missbrauchte die „Süddeutsche Zeitung“ eine Zeichnung von Ernst Kahl, indem sie diese in einen völlig neuen Kontext setzte, über den der Zeichner damals sich nur „entsetzt“ äußern konnte, weil sie mit der Unterzeile „Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch“ nun wie eine antisemitischen Hetzzeichnung auf Stürmer-Niveau wirken musste. Der nationalsozialistische „Stürmer“ hat den hässlichen, gefräßigen Juden, einen Moloch in Menschengestalt, der im Begriff ist, sich die Welt einzuverleiben, so fest ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt, dass er jederzeit abrufbar ist – nur tritt heute „Israel“ an die Stelle des „Juden“.

Nur wenige Wochen später war es die „Stuttgarter Zeitung“, die ein bestehendes Werk in einen neuen und antisemitischen Kontext setzte – diesmal Georg Kreislers Moritat vom „Tauben vergiften“. Ministerpräsident Netanjahu sitzt auf einer Bank und wirft einer bedröppelt dreinblickenden Friedenstaube vergiftete Brotstückchen hin. Damit wird erneut eine Erinnerung des antisemitischen kulturellen Gedächtnisses reaktiviert: das Bild der Juden als „Brunnenvergifter“, das in der Geschichte mehrfach Pogrome gegen jüdische Gemeinden auslöste.

Unnötig hervorzuheben ist, dass Israel mit Netanjahu natürlich alleine auf der Anklagebank im Park sitzt; Palästinenser, arabische Staaten oder der Iran bleiben unsichtbar, sie stehen ja auf der Opferseite.

Und wieder gab es heftigen Protest für die vorgenommene Umdeutung. Georg Kreislers Tochter Sandra Kreisler schrieb an die Redaktion: „Wie kann man nur eine Zeichnung veröffentlichen, die den Namen und die Arbeit meines Vaters in Zusammenhang mit einer Meinung stellt, die erstens deutlich NICHT die seine war, zweitens KEINERLEI Verbindung mit dem zitierten Lied hat und drittens rein inhaltlich ebenso antisemitisch wie inhaltlich falsch ist.“ Der stellvertretende Chefredakteur Michael Maurer antwortete, er „bedauere es, dass Sie sich durch die Karikatur verletzt fühlen. Das war weder die Absicht des Karikaturisten noch die der Redaktion.“

Immerhin nicht nur ein Bedauern, sondern das Eingeständnis eines Fehlers, „für den wir um Entschuldigung bitten“, äußerte der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Wolfgang Krach, nachdem sein Blatt im Mai diesen Jahres eine Karikatur ihres Zeichners Dieter Hanitzsch, gedruckt hatte, die Benjamin Netanjahu in Gestalt der israelischen Gewinnerin des Eurovision Song Contest, Netta, zeigte: Er hält eine Rakete in der Hand und in der Sprechblase steht: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Auf der Rakete ist ein Davidstern abgebildet, im Schriftzug „Eurovision Song Contest“ ersetzt ein Davidstern das „v“.

In der Folge der Proteste, in die sich sogar der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, einfügte, beendete die „Süddeutsche Zeitung“ ihre Zusammenarbeit mit Hanitzsch. Klein hatte kritisiert: „Hier werden Assoziationen an die unerträglichen Zeichnungen der nationalsozialistischen Propaganda geweckt. Auch wenn Karikaturen ironisieren und provozieren sollen, ist hier eine rote Linie überschritten worden.“

Im Juni 2018 beschied der Deutsche Presserat die eingereichten Beschwerden: Die Karikatur „ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Die Grenze zur Diskriminierung von Juden sei nicht überschritten worden.“

Die Diskussion um Antisemitismus in der Zeitungspresse schwappte im Juli auch nach Thüringen. Am Montag, dem 23.07.2018, nahm Rezensentin Dr. Ursula Mielke ihren Bericht in der „Thüringer Allgemeinen“ und der „Thüringischen Landeszeitung“ über ein Konzert des deutsch-israelischen Kadya Jugendchores im Rahmen des Yiddish Summer Weimar zum Anlass, mit dem Festival jiddischer Lebenswelten insgesamt abzurechnen: „Künstlich muss man nichts, aber auch gar nichts am Leben erhalten.“ „Künstlich“ war ihr die Finanzierung der Festspiele, „weil alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten“ und darum bei uns „das Geld für allseits sehr gut begründbare Projekte noch locker fließt“. Das sei auch der Grund, warum der Festivalmacher Alan Berg sein Projekt „nicht in seinem großen, reichen Herkunftsland USA ansiedelt, sondern im kleinen Deutschland“.

Johannes Heil, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, urteilte anschließend zutreffend: Die Redakteurin schaffe es, „binnen weniger Zeilen das gesamte Repertoire modern gewendeter Antisemitismen einzuspielen. Ihre Codes lauten Schuld, Geld, Jude; im Subtext klingen Ostküste, Wall Street, Hochfinanz, Blutsauger und auch Höckes Schandmal an. Das ist mehr als die Rede von »klein« gegen »reich«. Hier erklingt eine musikalische Variante der »Auschwitzkeule«, mit am Ende stets demselben Refrain: dass der Holocaust den Juden immer noch gut genug sei, um damit Kasse zu machen.“

Auch hier ähnelten die Reaktionen den zuvor beschriebenen. Chefredakteur Johannes M. Fischer bat für die „Thüringer Allgemeine“ „alle, die sich verletzt fühlen“ um Entschuldigung. Der „Artikel mit antisemitischen Äußerungen … hätte nie erscheinen dürfen.“ Und die Funke-Mediengruppe, zu der die Thüringer Zeitungen gehören, äußerte, „die Autorin dürfe in Zukunft nicht mehr in den Zeitungen der Gruppe publizieren“.

Angesichts der Karikaturen und Texte, deren Vorstellung hier keine vollständige sein will, wird ein Handlungsmuster erkennbar. Redaktionen und Chefredakteure vermögen das antisemitische Potential der von ihnen gedruckten Beiträge nicht zu erkennen. Warum eigentlich nicht?

Hinterher, wenn „das Kind in den Brunnen gefallen“ ist, drückt man eilfertig Bedauern aus oder bittet um Entschuldigung. Angesichts der Häufung der Vorgänge kam es zuletzt zunehmend zur Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Autorin oder Zeichner.
Die Frage nach der Verantwortung und dem journalistischen Handeln der Redakteure aber bleibt und wartet auf glaubwürdige Antwort.

Ricklef Münnich

Kunsthalle Erfurt: „Elena Kaufmann. Ein Jahr mit dem Stern“

Die ACHAVA Festspiele Thüringen präsentieren: 

„Elena Kaufmann. Ein Jahr mit dem Stern“
Fotografien

Kunsthalle Erfurt
19. Juli – 30. September 2018 

Seit 2012 lebt und arbeitet die in St. Petersburg aufgewachsene Fotografin Elena Kaufmann in Erfurt. Hier hat sie über einen längeren Zeitraum Menschen der jüdischen Gemeinde mit der Kamera begleitet, um sie zu porträtieren und Momente zwischen Heiligkeit und Alltäglichem einzufangen. Neben stimmungsvollen Situationsaufnahmen, deren menschliche Wärme und Nähe oftmals zeitlos wirkt, wandte sie sich den Menschen auch im Porträt zu und überzeugt gleichfalls hier mit ihrer feinsinnigen Beobachtungsgabe. Entstanden aus einer gemeinsamen Idee, fördern die ACHAVA Festspiele Thüringen eine Ausstellung und ein Buch, um das Projekt der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Fragt man, was den besonderen Wert dieser über Wochen und Monate kontinuierlich anwachsenden Serie ausmacht, dann findet man Antworten in der Geschichte der Fotografie und in der Intention der Fotografin, stets das Konkret-Menschliche im Fokus ihrer Arbeit zu halten, den persönlichen Ausdruck, die individuelle Erscheinung. Es geht ihr nicht vordergründig um visuelle Reize und gelungene Kompositionen. Sie spielen natürlich eine Rolle als Mittel zur Erreichung ihres zentralen Anliegens: das Menschliche und damit Verbindende in all den Szenen zu zeigen, die jüdisches Leben heute in einer kleinen Gemeinde und einer Stadt wie Erfurt charakterisieren.
Hier wird jüdisches Leben nicht einfach illustriert und dabei auf Allgemeinverständlichkeit des Gezeigten abgezielt, wie man es von einer üblichen fotografischen Reportage erwarten könnte. Nein, weit darüber hinaus gelingt hier das Sichtbarmachen fragiler zwischenmenschlicher Geflechte, subjektiver Gesten und Befindlichkeiten. Im Zentrum immer wieder der menschlich berührende Moment, der dem einen oder anderen Augenzeugen vielleicht entgangen ist, nicht jedoch der feinen Wahrnehmung der Fotografin, die sich dabei als eine Künstlerin ihres Fachs erweist. Zur Kunst wird beobachtendes Fotografieren, wenn das in der Wirklichkeit häufig nur vorübergehend und kontingent Erscheinende im Bild die Form eines Besonderen gewinnt, das unsere Aufmerksamkeit nachhaltig auf sich zieht und zugleich als etwas Charakteristisches, allgemein Gültiges begriffen werden kann. So bleibt es über die Erinnerung an das konkrete Ereignis hinaus für uns attraktiv und bedeutsam.
Bei Elena Kaufmann mündet das beobachtende Fotografieren immer wieder in eine Emphase des Menschlichen und Verbindenden, das zu erkennen sie in besonderer Weise begabt ist. Mit ihrer Arbeit zur Erfurter jüdischen Gemeinde reiht sie sich in eine Traditionslinie der Life-Fotografie ein, der verschiedene international agierende Fotografen vor über siebzig Jahren mit der Gründung von MAGNUM PHOTOS ein Credo verliehen.

„70 Jahre Israel – Von der Idee zum lebendigen Staat“

Die Regionalgruppe Ilmenau-Arnstadt des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.“ lädt am Dienstag, dem 26. Juni 2018, ein, den Weg Israels von der Idee eines Judenstaates bis zur heutigen Realität mitzugehen.  Dazu hat sie den Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum, Pfarrer i.R. Ricklef Münnich, für einen Vortrag gewonnen. Er beginnt um 19.30 Uhr im Katholischen Gemeindehaus Ilmenau, Unterpörlitzer Str. 15. Der Eintritt ist frei.

„Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“ Diese Hoffnung setzte Theodor Herzl 1902 auf das Titelblatt seines Romans „Altneuland“. Aus der Visions Herzls sollte in weniger als 50 Jahren Wirklichkeit werden. Vor 70 Jahren, am Nachmittag des 14. Mai 1948, rief David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel aus.

Allerdings hatten die britische Kolonialpolitik und ihre Folgen dem neuen „Judenstaat“ (so Herzls Manifest) etliche Probleme ins Nest gelegt, die zum Teil bis heute ungelöst sind. Noch in derselben Nacht der Staatsgründung marschierten fünf arabische Armeen ein, um die Gründung des jüdischen Staates rückgängig zu machen. Das Ziel ist bis heute nicht aufgegeben.

Doch dem gegenüber steht heute Israel als einzigartige Erfolgsgeschichte. „Vom sozialistischen Staat zur High-Tech-Nation“ könnte man sie nennen. Den Weg dahin möchte Ricklef Münnich nachzeichnen. Er kennt das Land: Zwei Jahre studierte er an der Hebräischen Universität Jerusalem und besuchte Israel anschließend immer wieder allein oder mit Reisegruppen.

Wenn Protestanten von Jerusalem singen

Blickpunkt Jerusalem


Jerusalem ist wieder Thema. Nein, Jerusalem ist immer Thema!

Deshalb laden die Jüdische Landesgemeinde Thüringen und die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum zu einer Reihe von Veranstaltungen ein, die auch ein vertiefendes Gespräch ermöglichen sollen.

Pfarrer Teja Begrich (Mühlhausen) erläutert am Mittwoch, 20. Juni 2018, 19 Uhr, Schwierigkeit wie Notwendigkeit der „Jerusalem-Lieder“ im Evangelischen Gesangbuch.
„Jerusalem im Evangelischen Gesangbuch”
Mittwoch, 20. Juni 2018, 19 Uhr
Kultur- und Bildungszentrum
der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen
Juri-Gagarin-Ring 21, 99084 Erfurt
„Auch wenn wir von Jerusalem singen, transportieren wir Erwartungen und Sehnsüchte in diese Stadt – auch als Protestanten.“
Christian Kropp (Klavier & Querflöte, im Beruf Richter in Sondershausen)  bringt die Melodien einiger „Jerusalem-Lieder“ nahe.
Weitere Themen und Termine, immer mittwochs um 19 Uhr, im Kultur- und Bildungszentrum der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Juri-Gagarin-Ring 21, 99084 Erfurt:

■ 29. August 2018: Georg Rössler (Jerusalem), „Warum haben wir (fast) alle Aktien in Jerusalem?“ 
■ 17. Oktober 2018: Ricklef Münnich (Erfurt), „Hinauf nach Jerusalem. Die heilige Stadt im Neuen Testament“
Ein Einladungsplakat können Sie hier zum Download erhalten.

Festival 70 Jahre Israel

Feiern, informieren, tanzen – vom 25. – 27. Mai 2018 beim Festival „70 Jahre Israel“
in Berlin.

Unter der Schirmherrschaft von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble lädt die Deutsch-Israelische Gesellschaft zu drei Tagen voller Programm und Lebensfreude in die Station Berlin ein. Das Festival „70 Jahre Israel“ soll ein Beitrag sein, die Freundschaft zwischen Israel und Deutschland zu fördern und zu festigen. Umfangreiche Vorträge, Diskussionen und Präsentationen zeigen die Schönheit und Vielfalt Israels. Jede und jeder ist dazu eingeladen seinen Namen auf Hebräisch schreiben zu lernen, mediterrane Köstlichkeiten zu genießen, israelische und deutsche Filme zu schauen oder einfach zur Musik von MICAR zu feiern.

Der Eintritt ist frei.

Das Festival beginnt  am 25. Mai um 11:00 Uhr mit der festlichen Eröffnungsfeier, musikalisch begleitet von Startenor Björn Casapietra.

Mehr Informationen und Programm auf http://www.70-jahre-israel.digev.de/

Wann?
25. Mai 2018 ab 11 Uhr
26. Mai 2018 ab 12 Uhr
27. Mai 2018 ab 12 Uhr

Wo?
Station Berlin, Luckenwalder Straße 4-6, 10963 Berlin

Wir bitten um Ihre Anmeldung zur Eröffnungsfeier bis spätestens 23. Mai 2018.

Für Rückfragen stehen wir gern zur Verfügung.
Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Sämtliche Besucher werden Sicherheitsüberprüfungen unterzogen. Taschen, Rucksäcke und Handtaschen sowie Helme und Behältnisse aller Art sind verboten. Die Gäste werden ausdrücklich gebeten, auf deren Mitbringen zu verzichten, und sich ausschließlich auf wirklich notwendige Utensilien wie Handys, Schlüsselbund und Portemonnaies sowie Medikamente oder Kosmetika in Taschen bis zu einer maximalen Größe von DIN A4 zu beschränken. Die Einhaltung dieser Regeln und Hinweise sowie ein rechtzeitiges Eintreffen helfen dabei, den Einlass so zügig wie möglich zu organisieren.

Mit der Teilnahme an der Veranstaltung erklären Sie sich damit einverstanden, dass Sie gegebenenfalls auf Aufnahmen zu sehen sind, die im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V. verwendet werden.

100. Geburtstag von Estrongo Nachama sel.A.

Anlässlich des bevorstehenden Wechsels von Rabbiner Alexander Nachama von der Elbe an die Erfurter Gera kamen wir hier kürzlich auf seinen Großvater zu sprechen. Morgen, am 4. Mai 2018, würde Estrongo Nachama 100 Jahre alt werden.

Aus diesem Anlass hat die Journalistin Claudia Keller über den einstigen Oberkantor und seine Frau Lilli im Verlag Hentrich & Hentrich eine „Jüdische Miniatur“ verfasst, auf die wir gerne aufmerksam machen.

Claudia Keller
Lilli und Estrongo Nachama
Zwei Solisten – ein Paar
80 Seiten, Broschur, 17 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-268-5, EUR 8,90
Jüdische Miniaturen Bd. 223

Die Verlagsankündigung: „Estrongo Nachama wurde am 4. Mai 1918 in Saloniki geboren und war von 1947 bis 2000 Kantor und später Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Mit seiner warmen Baritonstimme füllte er Konzertsäle und Stadthallen und begeisterte Zuhörer in West- und Ostdeutschland. Estrongo Nachama war aber noch viel mehr als ein großartiger Sänger, Vorbeter und mitreißender Entertainer: Er war die Seele der jüdischen Gemeinschaft. Ihm und seiner Frau Lilli gelang es, in Berlin Wurzeln zu schlagen und eine Familie zu gründen. Das war nicht selbstverständlich, denn die Nationalsozialisten hatten ihnen fast alles geraubt, woran ihr Herz hing. Die beiden fanden sehr ungewöhnliche Wege, um sich eine neue Heimat zu schaffen. Sie erzählen viel über die Hoffnungen, Sehnsüchte und Abgründe zweier Menschen, die versuchten zu leben, nachdem sie überlebt hatten.“

Rabbiner Alexander Nachama wechselt nach Erfurt

Zum 1. September 2018 bekommt die Jüdische Landesgemeinde Thüringen einen neuen Rabbiner. Es ist Alexander Nachama, der von Dresden in die Landeshauptstadt Erfurt wechselt.

Der Name Nachama hat vor allem bei den „alteingesessenen“ Gemeindegliedern der Zeit vor 1989, von denen es freilich nicht mehr sehr viele gibt, einen guten und vertrauten Klang. War es doch Estrongo Nachama sel. A., der frühere Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der zu DDR-Zeiten immer wieder mal nach Erfurt fuhr, wenn er gebraucht wurde: Zu einer Bar Mizwa in der Synagoge am Juri-Gagarin-Ring oder zu einer Beisetzung auf dem Jüdischen Friedhof an der Werner-Seelenbinder-Straße. „Hat nichts als Singen im Sinn“, stand in seiner Stasi-Akte.

Rabbiner Alexander Nachama ist sein Enkel. Mit dem Rabbinerberuf setzt er die Familientradition fort. Sein Vater, der Historiker Prof. Dr. Andreas Nachama, amtiert als Rabbiner ehrenamtlich in der Berliner liberalen Synagoge Herbartstraße. Auch in der Zuordnung innerhalb der religiösen Richtungen des Judentums (orthodox, liberal, reformiert, aschkenasisch oder sefardisch) setzt Alexander die Familienlinie fort.

In der liberalen Charlottenburger Synagoge in der Pestalozzistraße, in der Estrongo Nachama wirkte, sang er zur Orgel und ein Chor begleitete den Gottesdienst – undenkbar im „klassischen“ Judentum und natürlich vom christlichen Gottesdienst „abgeguckt“. Auch in der großen Erfurter Synagoge, die in der Nacht 9./10. November 1938 angezündet und niedergebrannt wurde, stand  eine Orgel. Hier wie in anderen Städten führte die Einführung der Orgel in den jüdischen Gottesdienst übrigens zur Spaltung in eine orthodoxe und eine liberale Gemeinde.

Insofern „passt“ Rabbiner Alexander Nachama natürlich nach Erfurt. Während der gegenwärtige Landesrabbiner Benjamin Kochan (in Erfurt seit 2015) der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) angehört, ist Rabbiner Nachama Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Alexander Nachama, geboren 1983 in Frankfurt am Main, erhielt im Februar 2005 in der berühmten amerikanischen Rabbiner- und Kantorenschule „Aleph“ seine Urkunde als Kantor. 2008 bekam er einen Bachelor in Judaistik (Freie Universität Berlin), 2013 einen Master (Universität Potsdam). Ab 2007 absolvierte er eine Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg mit Studienaufenthalten in Israel, unter anderem am Steinsaltz-Institut in Jerusalem. In seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit dem Anzünden der Schabbatkerzen. 2013 wurde er vom Abraham Geiger Kolleg zum Rabbiner ordiniert.

Gefragt, was seine wichtigsten Ziele sind, sagte er: „Das friedliche Zusammenleben aller Religionen und Konfessionen sowie die Normalisierung des Miteinander von jüdischen und nichtjüdischen Menschen in Deutschland.“

 

 

Reaktionen der Evangelischen Kirche im Rheinland

Kirchenrat Dr. Volker Haarmann, in der Evangelischen Kirche im Rheinland für den christlich-jüdischen Dialog zuständig, sandte der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen heute die folgende Reaktion auf die „Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen“ (Ricklef Münnich) zu der EKiR Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Datum im christlichen Kalender? Gottesdienst-Arbeitshilfe“

Als Evangelische Kirche im Rheinland sind wir, soweit uns bekannt, die einzige Landeskirche, die ihre Gemeinden durch einen entsprechenden Aufruf in Form der vorliegenden Arbeitshilfe dazu ermuntert, das siebzig jährige Jubiläum der Staatsgründung Israels auch im Rahmen von Gottesdiensten zu feiern: „Die Feierlichkeiten zur 70 jährigen Staatsgründung Israels […] sind auch für uns in der Evangelischen Kirche im Rheinland ein Grund zur Mitfreude“, so Präses Rekowski im Vorwort zu der Arbeitshilfe. (S. 3) – Dies nun als „Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen“ darzustellen, halten wir für unangemessen. Das Fragezeichen steht nicht, wie in der Stellungnahme aus der „AG Kirche und Judentum in Thüringen “ behauptet wird, „hinter der Gratulation“, sondern hinter der Frage, ob wir als Christinnen und Christen dieses Datum für unsere Gottesdienste wahrnehmen und bedenken sollten. Diese Frage wird im Essay von Dr. Rainer Stuhlmann bejaht (vgl. S. 4f).

Ja, die Arbeitshilfe mutet uns in der Tat zu, dass „in jedem Gebet“ neben der Freude auch das Leid in Israel und Palästina vor Gott gebracht wird. „Halte uns mit Israel und alle seine Bewohner zusammen / im Vertrauen auf dich, / und im Handeln nach deiner Weisung.“ (S. 12) Das muss man nicht als „griesgrämig“ und „zweifelnd“ abtun. Nahezu jeder Psalm der Bibel bringt Freude und Leid vor Gott.

Sich dieser Spannung auszusetzen, prägt auch den Text von Dr. Rainer Stuhlmann. Und das macht den Text einerseits so stark, aber eben im selben Moment auch angreifbar. Zitiert und kritisiert wird der Satz Rainer Stuhlmanns: „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ (S. 5) – Wer vor diesem Satz aus § 4 aber auch § 2 gelesen hat, wird nicht mehr meinen können, Rainer Stuhlmann sähe nicht, dass es die arabischen Staaten waren, die Israel angegriffen haben. In § 2 schreibt Stuhlmann klar und eindeutig: Israel „ist der einzige Staat, dessen Gründung mit einer Kriegserklärung all seiner Nachbarstaaten beantwortet wurde. Bis heute sprechen ihm viele arabische und islamische Staaten sein Existenzrecht ab.“ (S. 4)

Ein letztes: Ja, Rainer Stuhlmann bezeichnet auch die mehr als zwanzig Prozent arabische Bevölkerung in Israel als „Palästinenser“. Und dies nicht, wie in der Stellungnahme der AG unterstellt wird, um dadurch den Erhalt des Staates Israel in Frage zu stellen, sondern weil dies dem Selbstverständnis dieser Bevölkerungsgruppe in Israel entspricht. – Prof. Yohanna Katanacho, den die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche auf einer gemeinsam geplanten Reise mit dem Vorstand des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Nordrhein Ende dieser Woche in Israel getroffen hätte, legt hierauf großen Wert: Er ist, wie er sagt, stolzer israelischer Staatsbürger und Palästinenser. Das ist kein Widerspruch.

Für uns als rheinische Kirche ist es sehr bedauerlich, dass der Landesverband der Jüdischen Gemeinden heute unsere gemeinsame Reise abgesagt hat.

Volker Haarmann, EKiR Düsseldorf, 24.02.2018

Das von Dr. Haarmann zuletzt ausgesprochene Bedauern kommt in der am selben Tag von der EKiR herausgegebenen Pressemitteilung Nr. 72/2018 zum Ausdruck: „Reise nach Israel: Kirche bedauert Absage durch Jüdischen Landesverband“.

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) Manfred Rekowski

Präses Manfred Rekowski erklärt dort: „Gerade weil wir in vielen konstruktiven Gesprächen mit unseren jüdischen Partnern festgestellt haben, dass wir bei historischen und politischen Fragen auch unterschiedlicher Meinung sind, haben wir gemeinsam diese Reise nach Israel geplant, um Gemeinsamkeiten in unseren Positionen noch besser wahrnehmen zu können, aber auch Unterschiede präziser zu beschreiben“.  „Umso mehr bedauere ich die Entscheidung des Vorstands des Landesverbandes. Gerne hätten wir auch die Reise mit dem Landesverband für das Gespräch über diese kontroversen Themen genutzt. Dort, wo sachliche Kritik an der Arbeitshilfe geübt wird, beschäftigen wir uns selbstverständlich damit.“

Folge der Arbeitshilfe: Absage gemeinsamer Israelreise

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein K.d.ö.R. hat in einer Pressemitteilung heute die „Absage der gemeinsamen Reise der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein nach Israel“ erklärt:

Die geplante gemeinsame Reise der Evangelischen Kirche im Rheinland (EkiR) und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein vom 26.-29. April nach Israel findet nicht statt. Der Vorstand des Landesverbandes hat sich einstimmig zu der Absage entschieden. Eine Delegation des Vorstands und der Geschäftsführung wird in dieser Zeit dennoch Israel besuchen.

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein und die Evangelische Kirche im Rheinland arbeiten seit geraumer Zeit in einem konstruktiven Dialog zusammen. Das erklärte Ziel der Zusammenarbeit war und ist, den Dialog zwischen Christen und Juden in Deutschland zu verbessern sowie diesen zu einem besseren Verständnis für beide Seiten zu nutzen. Im Rahmen dieses Ziels entwickelte sich die Idee, eine gemeinsame Reise nach Israel zu unternehmen.

Hintergrund der nun kurzfristig erfolgten Absage ist ein Essay von Rainer Stuhlmann in der kürzlich veröffentlichten EKiR-Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin auch im christlichen Kalender?“. „Wir wissen es sehr zu schätzen, dass die Evangelische Kirche im Rheinland als einzige evangelische Landeskirche anlässlich des 70. Jubiläums des Staates Israel eine Arbeitshilfe herausgegeben hat. Wir sehen darin einen Beleg des langjährigen konstruktiven Dialogs miteinander“, so der Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, Dr. Oded Horowitz. „Umso mehr hat uns der darin enthaltene Beitrag 70 Jahre Staat Israel – ein Datum im christlichen Kalender? bestürzt und traurig zurückgelassen. Die darin geäußerte Verunglimpfung des Staates Israel als brutale Besatzungsmacht und die Unterschlagung historischer Fakten sind für uns nicht hinnehmbar. Zur 70. Jubiläumsfeier der Gründung des Staates Israel auf die Lebenslage der palästinensischen Bevölkerung als direktes Resultat der Staatgründung Israels zu verweisen, stellt das Existenzrecht Israels in Frage und hinterlässt einen faden Beigeschmack antizionistischer Stereotype.

Dies führte zu einer Hinterfragung der Grundlage unserer gemeinsamen Unternehmung. Dass es sich um einen namentlich gekennzeichneten Beitrag und nicht um eine Grundlagenerklärung der Landeskirche handelt, hat mir Präses Manfred Rekowski in persönlichen Gesprächen versichert. Zur Aufrechterhaltung der gemeinsamen Reisepläne wäre für uns eine unmissverständliche Erklärung der Kirchenleitung bzw. Distanzierung zu dem Artikel notwendig gewesen, die genau dies ausdrückt. Nachdem hierzu kein Übereinkommen erzielt werden konnte, haben wir uns als Vorstand des Landesverbandes entschieden, die gemeinsame Reise nicht anzutreten. Wir stehen jedoch weiterhin für die regelmäßig stattfindenden Konsultationen mit der EKiR zur Verfügung und hoffen, den wichtigen und konstruktiv-kritischen Dialog in diesem sinnträchtigen Jubiläumsjahr zu einem gegebenen Zeitpunkt wieder aufnehmen zu können.“

Inzwischen sind die Planungen für eine eigene Israel-Reise des Landesverbandes anlässlich des Staatsjubiläums und als Zeichen der Solidarität mit Israel angelaufen.

„70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“ – Eine Stellungnahme

Die Fachgruppe Christen und Juden der Evangelischen Kirche im Rheinland hat eine Gottesdienst-Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“ veröffentlicht. Wesentlichen Aussagen dieser Schrift ist zu widersprechen. Deshalb  geben wir die folgende Stellungnahme ab.

In Israel hat man in der vergangenen Woche zwei Tage lang mit vielen Parties recht fröhlich die 70. Wiederkehr der Gründung des Staates gefeiert. Vielleicht auch nach dem Motto: Sorgen haben wir dann morgen wieder genug! Als evangelische Christin oder Christ musste man den israelischen Unabhängigkeitstag nicht unbedingt so ausgelassen mitfeiern wie in Israel; Ausgelassenheit gehört sowieso nicht zu den protestantischen Tugenden. Nach unserem Kalender haben wir den Geburtstag im Mai außerdem noch vor uns, die Einladungen dazu sind zusammen mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen schon verschickt.

Doch so griesgrämig, so zweifelnd wie die Evangelische Kirche im Rheinland kann man es wirklich nicht machen. Sie hat ihren Gemeinden eine „Arbeitshilfe“ zum Anlass geschickt und ein Fragezeichen hinter ihre Gratulation gesetzt: „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“. „Arbeitshilfe“ ist eine spezifisch kirchliche Literaturgattung. Für sie ist typisch ein Raunen der Sprache, hier schon im Vorwort: „Wir wissen um die besondere Bedeutung, die der Staat Israel auch für die jüdische Gemeinschaft bei uns … hat“ schreibt man, statt die Bedeutung zu benennen, oder: „Wir teilen die Freude über das Bestehen dieses Staates“ anstelle sich zu freuen.

Wirklich bedrückend ist jedoch, dass es beim Thema Israel für eine Landeskirche in Deutschland nicht ohne ein „sowohl … als auch“ zu gehen scheint. Keine Mitfreude ohne das Leiden der Palästinenser in jedem Abschnitt, in jedem Gebet des angefügte Gottesdienstentwurfes! Keine Frage, es gibt Leiden infolge der Gründung des Staates Israel. Doch ein konsequentes kirchliches „sowohl … als auch“ dürfte ebenso die Vertreibung von 750.000 Juden aus arabischen Staaten als eine der Folgen israelischer Unabhängigkeit nicht verschweigen. Jahrhundertealtes jüdisches Leben in muslimischer Kultur kam in der Folge an sein unwiederbringliches Ende.

Streiten über geschichtliche Wahrheiten kann man freilich nicht mehr, wenn das biblische Verbot falsch Zeugnis zu reden verletzt wird. „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ Nein, nicht der Plan, Arabern wie Juden einen eigenen Staat zu ermöglichen, führte zum Krieg, sondern arabisches Nein zu jeglichem jüdischen Staat – das im übrigen als palästinensisches Nein bis zum heutigen Tag andauert.

„Am Ende des Krieges hatten die Juden ihren Staat, der weit größer war, als es der Teilungsplan vorsah. Und die Palästinenser nichts.“ Nein! Denn wie sonst hätte Jerusalem bis 1967 eine geteilte Stadt werden können!

Die Falschaussagen liegen darin begründet, dass die „Arbeitshilfe“ den Begriff „Palästinenser“ unhistorisch und einem Narrativ der Fatah und Hamas folgend verwendet. Wenn die rheinische Kirche die mehr als 20 Prozent arabische Bevölkerung innerhalb der Grenzen des Staates Israel, die dieselben Rechte haben wie jeder Israeli, als „Palästinenser“ bezeichnet, betreibt sie ein Geschäft, das den Staat Israel nicht erhalten, sondern aufweichen will. Insofern ist die abschließende Gebetshoffnung, „dass gerechte und friedvolle Koexistenz zwischen beiden Völkern in diesem Land früher als in fünfzig Jahren möglich und länger als einhundertundzwanzig Jahre währen wird“, unehrlich.

Auch die Christen im Heiligen Land werden den Palästinensern zugeschlagen. Darum ist für die rheinische Kirche wegen zweier im Unabhängigkeitskrieg zerstörter christlich bewohnter arabischer Dörfer „die Staatsgründung Israels … ein Datum im christlichen Märtyrerkalender“. Hier wird palästinensische Terminologie des politischen und des Terrorkampfes (auch jeder Attentäter gilt dort als Märtyrer) in evangelische Gemeinden im Rheinland eingeführt.

Mit palästinensischer Theologie wird genauso verfahren: „Die palästinensischen Christen leben seit zweitausend Jahren im Land.“ Spätestens hier gibt es für eine Kirche keine Entschuldigung wegen Unwissenheit mehr. Nicht Palästinenser bildeten die Jüngerschaft des Jesus von Nazaret. Jüdinnen und Juden waren es, die die Botschaft vom auferweckten Christus zu den Völkern brachten, weil sie auf die Verwirklichung des biblisch angekündigten Friedens zwischen dem Volk Israel und den Völkern in der Jetztzeit hofften. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat mit ihrer „Arbeitshilfe“ jedoch in Zeiten christlich-jüdischer Vergegnung zurückgeführt, die man vergangen gehofft hatte. Sie hat einen Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen herausgegeben.

Ricklef Münnich