„Das war nicht ganz koscher“ – Themenschwerpunkt beim Erfurter Kirchentag

Erfurt gilt mit seiner mittelalterlichen Synagoge und einem jüdischen Gold­- und Silberfund als Schatztruhe jüdischer Religion und Kultur in Mitteleuropa. Aber auch eine Geschichte der Pogrome vom Mittelalter bis ins „Dritte Reich“ wurde in der Stadt geschrieben. Die Firma Topf & Söhne baute hier die Öfen von Auschwitz – das Werksgelände ist heute Erinnerungsort.

Zum Erfurter Kirchentag auf dem Weg öffnet die Jüdische Landesgemeinde Thüringen am 26. und 27. Mai 2017 ihr Kultur- und Bildungszentrum am Juri-Gagarin-Ring 21 zum Dialog. Der Rabbiner der Gemeinde, Landesrabbiner Benjamin Kochan, erklärt den Gästen jüdisches Leben nach den Speisegeboten der Tora. Das CJD Erfurt macht das in gemeinsamen, koscher zubereiteten Mahlzeiten erfahrbar.

Doch in der Geschichte des Verhältnisses der Christen zu den Juden war durchaus nicht alles „koscher“. Darum kommt im Reformationsgedenkjahr vor allem Martin Luthers Judenfeindschaft als Geburtsfehler der Reformation im Themenzentrum Juden und Christen des Erfurter Kirchentages zur Sprache.

Prof. Dr. Matthias Morgenstern, Religionswissenschaftler und Judaist aus Tübingen stellt Martin Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ als ein Dokument der Schande vor.

Wie diese und andere Traktate des Reformators auch mit seiner Bibelauslegung, vor allem des Ersten Testaments, in Verbindung stehen, erläutert Professor Dr. Peter von der Osten-Sacken aus Berlin. Er ist einer der bekanntesten und engagiertesten Theologen im christlich-jüdischen Dialog. In Erfurt wurde ihm dafür 2005 die Buber-Rosenzweig-Medaille als bedeutende Auszeichnung für sein Werk und sein Wirken verliehen.

Die von Peter von der Osten-Sacken initiierte und mitgestaltete Ausstellung „Martin Luther und die Juden“, die im Kultur- und Bildungszentrum zu sehen sein wird, führt über das belastete Erbe jedoch auch zu neuen Aufbrüchen. Pfarrerin Sibylle Biermann-Rau (Tübingen) zeigt am Beispiel von Elisabeth Schmitz und ihrem Einsatz für die Juden in der Bekennenden Kirche, dass es ein andere als die überkommene judenfeindliche Haltung sogar im Nationalsozialismus gegeben hat.

Alles in allem freilich war das jüdische Werben um Verständnis und Anerkennung seitens der Kirche und der Christen „eine tragische Liebesgeschichte“. So überschreibt Professor Dr. Christian Wiese, Judaist und evangelischer Theologe aus Frankfurt am Main, seinen Vortrag über „Jüdische Lutherdeutung vor der Schoa“.

Ein Workshop über kleine Zeichen des Neubeginns am Freitag mit dem Erfurter Stadtplaner und Denkmalpfleger Dr. Carsten Liesenberg wird zum Ausklang des Programms ergänzt durch ein Podium und Diskussionsforum vor dem Hintergrund des antijüdischen Erbes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland: „Hier stehen wir und wollen anders“.

„Das war nicht ganz koscher. Reines und Unreines in der Bibel und bei Martin Luther“ – so lautet das Motto des Themenzentrums. Es war Josel von Rosheim, dem zur Reformationszeit wichtigsten Vertreter der jüdischen Gemeinden in Deutschland, der bereits damals den Aspekt des „Unreinen“ bei Luther empfunden hatte. Daher ist parallel zum Programm im Kultur- und Bildungszentrum eine ihm gewidmete Ausstellung zu sehen. Räumlich entfernt in der Erfurter Michaeliskirche – denn Luther hatte es trotz eindringlicher Bitte strikt abgelehnt, Josel zu begegnen.

Möge der Erfurter „Kirchentag auf dem Weg“ neue Begegnungen und neues Vertrauen zwischen Juden und Christen ermöglichen – und dazu viele Besucherinnen und Besucher finden! Das vollständige Programm des Themenzentrums – hier zu finden – gilt als herzliche Einladung.

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