Reaktionen der Evangelischen Kirche im Rheinland

Kirchenrat Dr. Volker Haarmann, in der Evangelischen Kirche im Rheinland für den christlich-jüdischen Dialog zuständig, sandte der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen heute die folgende Reaktion auf die „Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen“ (Ricklef Münnich) zu der EKiR Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Datum im christlichen Kalender? Gottesdienst-Arbeitshilfe“

Als Evangelische Kirche im Rheinland sind wir, soweit uns bekannt, die einzige Landeskirche, die ihre Gemeinden durch einen entsprechenden Aufruf in Form der vorliegenden Arbeitshilfe dazu ermuntert, das siebzig jährige Jubiläum der Staatsgründung Israels auch im Rahmen von Gottesdiensten zu feiern: „Die Feierlichkeiten zur 70 jährigen Staatsgründung Israels […] sind auch für uns in der Evangelischen Kirche im Rheinland ein Grund zur Mitfreude“, so Präses Rekowski im Vorwort zu der Arbeitshilfe. (S. 3) – Dies nun als „Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen“ darzustellen, halten wir für unangemessen. Das Fragezeichen steht nicht, wie in der Stellungnahme aus der „AG Kirche und Judentum in Thüringen “ behauptet wird, „hinter der Gratulation“, sondern hinter der Frage, ob wir als Christinnen und Christen dieses Datum für unsere Gottesdienste wahrnehmen und bedenken sollten. Diese Frage wird im Essay von Dr. Rainer Stuhlmann bejaht (vgl. S. 4f).

Ja, die Arbeitshilfe mutet uns in der Tat zu, dass „in jedem Gebet“ neben der Freude auch das Leid in Israel und Palästina vor Gott gebracht wird. „Halte uns mit Israel und alle seine Bewohner zusammen / im Vertrauen auf dich, / und im Handeln nach deiner Weisung.“ (S. 12) Das muss man nicht als „griesgrämig“ und „zweifelnd“ abtun. Nahezu jeder Psalm der Bibel bringt Freude und Leid vor Gott.

Sich dieser Spannung auszusetzen, prägt auch den Text von Dr. Rainer Stuhlmann. Und das macht den Text einerseits so stark, aber eben im selben Moment auch angreifbar. Zitiert und kritisiert wird der Satz Rainer Stuhlmanns: „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ (S. 5) – Wer vor diesem Satz aus § 4 aber auch § 2 gelesen hat, wird nicht mehr meinen können, Rainer Stuhlmann sähe nicht, dass es die arabischen Staaten waren, die Israel angegriffen haben. In § 2 schreibt Stuhlmann klar und eindeutig: Israel „ist der einzige Staat, dessen Gründung mit einer Kriegserklärung all seiner Nachbarstaaten beantwortet wurde. Bis heute sprechen ihm viele arabische und islamische Staaten sein Existenzrecht ab.“ (S. 4)

Ein letztes: Ja, Rainer Stuhlmann bezeichnet auch die mehr als zwanzig Prozent arabische Bevölkerung in Israel als „Palästinenser“. Und dies nicht, wie in der Stellungnahme der AG unterstellt wird, um dadurch den Erhalt des Staates Israel in Frage zu stellen, sondern weil dies dem Selbstverständnis dieser Bevölkerungsgruppe in Israel entspricht. – Prof. Yohanna Katanacho, den die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche auf einer gemeinsam geplanten Reise mit dem Vorstand des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Nordrhein Ende dieser Woche in Israel getroffen hätte, legt hierauf großen Wert: Er ist, wie er sagt, stolzer israelischer Staatsbürger und Palästinenser. Das ist kein Widerspruch.

Für uns als rheinische Kirche ist es sehr bedauerlich, dass der Landesverband der Jüdischen Gemeinden heute unsere gemeinsame Reise abgesagt hat.

Volker Haarmann, EKiR Düsseldorf, 24.02.2018

Das von Dr. Haarmann zuletzt ausgesprochene Bedauern kommt in der am selben Tag von der EKiR herausgegebenen Pressemitteilung Nr. 72/2018 zum Ausdruck: „Reise nach Israel: Kirche bedauert Absage durch Jüdischen Landesverband“.

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) Manfred Rekowski

Präses Manfred Rekowski erklärt dort: „Gerade weil wir in vielen konstruktiven Gesprächen mit unseren jüdischen Partnern festgestellt haben, dass wir bei historischen und politischen Fragen auch unterschiedlicher Meinung sind, haben wir gemeinsam diese Reise nach Israel geplant, um Gemeinsamkeiten in unseren Positionen noch besser wahrnehmen zu können, aber auch Unterschiede präziser zu beschreiben“.  „Umso mehr bedauere ich die Entscheidung des Vorstands des Landesverbandes. Gerne hätten wir auch die Reise mit dem Landesverband für das Gespräch über diese kontroversen Themen genutzt. Dort, wo sachliche Kritik an der Arbeitshilfe geübt wird, beschäftigen wir uns selbstverständlich damit.“

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