Rückblick (2): „Luther-Kopie auf dem Anger“

Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum verlegte Aktion am Denkmal um einige Meter

Darüber berichtete ausführlich Birgit Kummer in der Thüringer Allgemeinen vom 11. November:

Luther-KopieEs blieben einige Passanten stehen vor dem großen dicken Luther-Aufsteller auf dem Anger. Der Reformator aus Pappe trug eine Binde über den Augen und eine goldene Schärpe über den Schultern. Um ihn herum: Holzaufsteller mit zahlreichen Plakaten, auf denen Sprüche Luthers prangten und an denen Jahreszahlen hingen wie Packzettel.
Luthers Wirken für die Reformierung der Kirche wollte die Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum am Luther-Geburtstag ebenso thematisieren wie seinen Antisemitismus. „Wir wollten die Ambivalenz zeigen“, sagt Pfarrer Ricklef Münnich.

Doch das Denkmal selbst zu nutzen, hatte die Stadt verboten. Gestern Morgen erst trudelte die schriftliche Begründung ein.

Darin hieß es, die vom Arbeitskreis geplante Aktion könne „umgedeutet werden von jenen, die Ausgrenzung Fremder zur Aufrechterhaltung nationaler Identität proklamieren.“
Ordnungsdezernent Alexander Hilge verweist gegenüber unserer Zeitung auf die politisch aufgeheizten Zeiten. Und er hat auch ein Problem damit, dass das Ganze nicht als Kunstaktion, sondern Versammlung angemeldet wurde und damit Nachahmer finden könnte, welcher politischen Couleur auch immer.

Untersagt wurde von der Stadt auch das Ausstellen eines Buchtitels: „Martin Luther: Über die Juden. Weg mit ihnen.“ 1938 herausgegeben von Martin Sasse, Landesbischof der Thüringer Evangelischen Kirche und Nationalsozialist. Dafür habe sich die Kirche nicht entschuldigt, sagt Münnich. „Es ist höchste Zeit, dass sich die Kirche äußert zu ihrer eigenen Geschichte.“ Für ihn selbst habe Luther zwei Seiten. „Er hat den Zugang zur Quelle, zum Wort Gottes, wieder geöffnet. Aber er konnte und wollte nicht verstehen, dass die Liebe Gottes auch dem jüdischen Volk galt.“

Münnich kündigt ein Plakat mit Luther-Worten an. Mit Worten des Hasses einerseits und Worten der Nächstenliebe auf der anderen Seite. Und in jedem Fall mit Stoff zum Nachdenken. Das nämlich wolle man sich auch künftig nicht verbieten lassen. Und man lade ein, sich zu beteiligen.

Von Passanten gab es gestern für die Aktion Pro, aber auch Kontra. Und hie und da die Frage, wieso eigentlich das benachbarte Weimar keine Probleme damit habe, dass die beiden National-Ikonen Goethe und Schiller gelegentlich für Meinungsäußerungen herhalten müssten. „Das ist in der Tat so“, sagt Rathaus-Sprecher Andy Faupel. Das Duo sei sogar mit Holzplatten eingemauert worden – im Rahmen des DNT-Sommertheaters. „Das waren fast alles Kunstaktionen, über die die Kunstkommission der Stadt vorher zu befinden hatte. Sie hat grünes Licht gegeben.“
Foto: Paul-Philipp Braun

Ausführlich zeigte das Blatt, wie Goethe & Schiller auf ihrem Sockel in Weimar immer wieder einmal verwandelt wurden – übrigens gelegentlich auch mit Augenbinden.

Goethe+Schiller in Weimar

2 Gedanken zu „Rückblick (2): „Luther-Kopie auf dem Anger“

  1. Lieber Amtsbruder Jäger,

    vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Anfrage!
    Jesus Christus hat Menschen aus den Völkern zum HErrn, dem Gott Israels geführt. Das war und ist seine zentrale Aufgabe. Der Gott der Christen ist der eine Gott, von dem auch Israel bekennt, dass er einzig sei. Christuszentriert ist also unsere Theologie insofern, als es für uns Christen aus den Völkern keinen anderen Weg zum Herrn gibt als durch und über den, den wir als Sohn Gottes bekennen.

    Zur Judenfeindschaft führt eine bei Luther zu findende Christuszentriertheit, die den Weg zu Gott ausschließlich von Jesus Christus her möglich erscheinen lässt. Dann nämlich ist für einen bleibenden Zugang zum HErrn für Israel kein Platz mehr.

    Bei Luther wurzelt diese Judenfeindschaft darin, dass Juden, die Christus ablehnen, damit zugleich auch Gott leugnen. Die Folge davon ist für Luther: Sie sind vom Teufel besessen. Darin wiederum gründet sein Aufruf, sich der Juden, sofern sie nicht Christen werden wollen, zu entledigen.

    In der Wirkungsgeschichte ist genau dies noch kurz vor der nationalsozialistischen Herrschaft so zum Ausdruck gebracht worden: „Der einzige Jude, der vor der Weltgeschichte heute noch ein Existenzrecht hat, ist der getaufte Jude, also der Jude, der sich in die Nachfolge Jesu begibt; derjenige aber, der Jesus ablehnt, hat kein Existenzrecht mehr.“ [Der Messiasbote 1929.]

    Leider ist die Umkehr von solchen Sichtweisen bislang nur eine partielle geblieben. „Die Erfahrung der heilsamen Zuwendung Gottes (macht) nur der an Jesus Christus Glaubende“, behauptet die Denkschrift „Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen“ der EKD von 2003.

    Wenn das Evangelium ausschließlich von Jesus Christus her bestimmt wird und nicht auch theologisch – und das heißt im Verhältnis Gottes zu seinem Volk Israel – wahrgenommen wird, kann eine christliche Judenfeindschaft nicht ausbleiben und wird sie sich gerade vom Zentrum evangelischer Theologie her zwangsläufig immer wieder einstellen.

    „Der Sohn Gottes, das ist Gott selbst, der Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde,“ schreibt Luther. Für uns Christen stimmt das wohl, weil wir Gott nicht anders als in und durch Jesus Christus sehen. Aber ohne eine „Theozentrik“, die das jüdische Bekenntnis zum HErrn, der Himmel und Erde geschaffen hat, gelten zu lassen und gemeinsam mitzusprechen in der Lage ist, führt eine „Christozentrik“ tatsächlich weg vom Vater Jesu Christi.

    Ich hoffe, ich konnte etwas verständlicher machen, was in der Thüringer Allgemeinen sicher recht verkürzt zum Ausdruck gekommen ist.

    Mit besten Grüßen
    Ihr Ricklef Münnich

  2. Ich möchte gerne wissen, was unter Luthers „Christus-zentrierter Theologie“ zu verstehen ist.
    Sie soll zu Luthers Judenfeindschaft geführt haben. So zu lesen im Kommentar von
    Pfr. Ricklef Münnich zum Beschluss der Erfurter Kreissynode vom 14.11.2015.

    Bisher galt die Christus-Zentriertheit, formuliert im reformatorischen“ solus Christus“,
    als Qualitätsmerkmal evangelischer Theologie.
    Was habe ich da missverstanden? Ich bitte um Aufklärung!
    Mit freundlichen Grüßen
    Joachim Jaeger

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