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Satt und träge. Der Israelsonntag in der Kirchenzeitung

Satt und träge. Der Israelsonntag in der Kirchenzeitung der EKM

„GLAUBE+HEIMAT“, der mitteldeutschen Kirchenzeitung, blieb glücklicherweise erspart, sich wie das Berliner Schwesterblatt, „die Kirche“, mit einem den Israelsonntag konterkarierenden Vorgang auf den eigenen Seiten auseinandersetzen zu müssen. Doch die deswegen dort noch ein wenig pointierter als sonst gesetzten Zeilen von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies zum Anlass gelten nichtsdestoweniger ebenfalls für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Markschies bringt Weihnachten, Passionszeit und Ostern auf eine Höhe mit dem Israelsonntag, indem er feststellt, die bekannteren Feierzeiten der Christen bedenken, „was Jesus Christus für unseren Glauben bedeutet“, während wir am Israelsonntag feiern und bedenken, „was das Judentum für den christlichen Glauben bedeutet“. Bei allen Anlässen gehe es um „die Grundlagen unseres Glaubens“ und „das Bekenntnis unserer Kirche“.

Ist dem so, fällt die Reflexion über die Botschaft des Israelsonntags im Kirchenblatt in der EKM doch sehr deutlich gegenüber den kirchenjahreszeitlichen Weihnachtsseiten, den Passions-Reihen oder den österlich gestimmten Texten ab. Abgesehen von einem zusammenfassenden Rückblick auf einen Vortrag unserer Arbeitsgemeinschaft im Kultur- und Bildungszentrum der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen nehmen – wie auch sonst – das „Wort zur Woche“ und die Gedanken zum „Predigttext“ das „Proprium“, also die Besonderheit des Sonntags auf – oder eben nicht, jedenfalls nicht in anderer Weise als jeden Sonntag.

Aber bei den Anstößen, die der Israelsonntag zu geben vermag, geht es natürlich nicht um Quantität. Daher werfen wir den Blick in die beiden genannten Beiträge.

Rhetorisch nicht ungeschickt wiederholt Pfarrer Stefan Körner auf drei von vier Absätzen: „Ich habe es so satt!“. Satt hat er zu hören, wie Juden verachtet und verprügelt werden, wie der Zeigefinger auf andere von einem Antisemitismus in den eigenen Reihen ablenken soll, wie gut die Hälfte der Deutschen „unter die Shoah einen ‚Schlussstrich‘ ziehen will“ oder „gut 20 Prozent antisemitischen Verschwörungstheorien anhängen“. Satt hat er, wie „rechte Extremisten“ sich „als neue Juden stilisieren, die verfolgt und ausgegrenzt würden“, satt also hat er, wie sich „immer und immer wieder“ Lüge als Wahrheit verkleidet.

Über Juden und über Israel erfährt der Leser in drei Vierteln des Beitrages nur Negatives oder in Abwehr negativer Äußerungen und Gedanken. Zum Schluss muss dann natürlich nach der „Lüge“ die „Wahrheit“ in den Blick kommen. Leider ist es dann lediglich „Gottes Wahrheit“, von der zu lesen ist, nämlich „dass Gott ein besonderes Augenmerk auf sein Volk hat, das er sich erwählte“. 

Spannend wäre doch nun gewesen zu erfahren, was diese Wahrheit für die Kirche und die Christinnen und Christen bedeuten würde. Von der Tat, die aus der Wahrheit, dem Evangelium, folgt, wäre doch jetzt zu schreiben! Stattdessen nur: „Ich habe es nicht satt zu glauben“, nämlich, „dass Gottes Verheißung und Versprechung zuverlässig sind“. Beim Glauben soll es dann dem Autor zufolge auch bleiben, nämlich „so lange, bis all das ein Ende hat“! 

Mit Paul Gerhardt kann man da nur ausrufen und singen: „Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not“, insbesondere der theologischen – wusste der Liederdichter doch zu seiner Zeit immerhin, dass die Bitte hinzugehört „stärk unsre Füß und Hände“ – denn nur dann, nämlich so „gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein“. (EG 361)

Nun gut, Prediger*innen am Israelsonntag holen sich vielleicht auch eher Anregung bei den Gedanken zum Predigttext. Pfarrer Michael Greßler ist zu danken, dass er genau die Defizite seines Amtsbruders einholt. Denn mit Gottes „Verheißungen ist das so eine Sache. Sie sollen erfüllt sein. Das geht aber nur mit den Menschen.“ Von hier wäre es jetzt nur noch ein (Gedanken-)Schritt, um zu überlegen, dass und vor allem, wie die Kirche mitverantwortlich ist und mittuend sein soll an der Verwirklichung biblischer Zusagen an das Gottesvolk Israel. 

Doch erneut Fehlanzeige. Der Ausleger bleibt zunächst im 6. Jahrhundert vor Christus, der Zeit des Jesaja-Predigttextes. „Viel ist geschehen seitdem. (…) Auch durch unser deutsches Volk. Viel Schuld.“ 

Aber: „Geändert hat sich nichts“. Das wird wieder bis zum Ende auch so bleiben, wenn die ausschließliche Folgerung ist: „Betet! Erinnert Gott an sein Heil!“ 

Damit soll ausdrücklich nichts gegen die Kraft des Gebets gesagt sein.Jedoch wird die Kraft des prophetischen Wortes damit nicht annähernd ausgeschöpft. „Bereitet dem Volk (dem Volk Israel) den Weg!“ ist am Israelsonntag Jesajas Botschaft an die Christengemeinde. Und: „Richtet ein Zeichen auf für die Völker!“ Die christliche Siedlung Nes Ammim in Israel hatte zu Beginn der 1960er Jahre diesen Aufruf Jesajas als ihren Namen gewählt, um ein Zeichen der Solidarität mit dem jüdischen Volk als Beginn einer neuen Beziehung zwischen Christen und Juden zu setzen. 

Wo bleibt ein solches Zeichen heute? Der Israelsonntag 2018 lässt die Frage offen, stellt sie nicht einmal.

Ricklef Münnich

Reaktionen der Evangelischen Kirche im Rheinland

Kirchenrat Dr. Volker Haarmann, in der Evangelischen Kirche im Rheinland für den christlich-jüdischen Dialog zuständig, sandte der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen heute die folgende Reaktion auf die „Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum in Thüringen“ (Ricklef Münnich) zu der EKiR Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Datum im christlichen Kalender? Gottesdienst-Arbeitshilfe“

Als Evangelische Kirche im Rheinland sind wir, soweit uns bekannt, die einzige Landeskirche, die ihre Gemeinden durch einen entsprechenden Aufruf in Form der vorliegenden Arbeitshilfe dazu ermuntert, das siebzig jährige Jubiläum der Staatsgründung Israels auch im Rahmen von Gottesdiensten zu feiern: „Die Feierlichkeiten zur 70 jährigen Staatsgründung Israels […] sind auch für uns in der Evangelischen Kirche im Rheinland ein Grund zur Mitfreude“, so Präses Rekowski im Vorwort zu der Arbeitshilfe. (S. 3) – Dies nun als „Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen“ darzustellen, halten wir für unangemessen. Das Fragezeichen steht nicht, wie in der Stellungnahme aus der „AG Kirche und Judentum in Thüringen “ behauptet wird, „hinter der Gratulation“, sondern hinter der Frage, ob wir als Christinnen und Christen dieses Datum für unsere Gottesdienste wahrnehmen und bedenken sollten. Diese Frage wird im Essay von Dr. Rainer Stuhlmann bejaht (vgl. S. 4f).

Ja, die Arbeitshilfe mutet uns in der Tat zu, dass „in jedem Gebet“ neben der Freude auch das Leid in Israel und Palästina vor Gott gebracht wird. „Halte uns mit Israel und alle seine Bewohner zusammen / im Vertrauen auf dich, / und im Handeln nach deiner Weisung.“ (S. 12) Das muss man nicht als „griesgrämig“ und „zweifelnd“ abtun. Nahezu jeder Psalm der Bibel bringt Freude und Leid vor Gott.

Sich dieser Spannung auszusetzen, prägt auch den Text von Dr. Rainer Stuhlmann. Und das macht den Text einerseits so stark, aber eben im selben Moment auch angreifbar. Zitiert und kritisiert wird der Satz Rainer Stuhlmanns: „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ (S. 5) – Wer vor diesem Satz aus § 4 aber auch § 2 gelesen hat, wird nicht mehr meinen können, Rainer Stuhlmann sähe nicht, dass es die arabischen Staaten waren, die Israel angegriffen haben. In § 2 schreibt Stuhlmann klar und eindeutig: Israel „ist der einzige Staat, dessen Gründung mit einer Kriegserklärung all seiner Nachbarstaaten beantwortet wurde. Bis heute sprechen ihm viele arabische und islamische Staaten sein Existenzrecht ab.“ (S. 4)

Ein letztes: Ja, Rainer Stuhlmann bezeichnet auch die mehr als zwanzig Prozent arabische Bevölkerung in Israel als „Palästinenser“. Und dies nicht, wie in der Stellungnahme der AG unterstellt wird, um dadurch den Erhalt des Staates Israel in Frage zu stellen, sondern weil dies dem Selbstverständnis dieser Bevölkerungsgruppe in Israel entspricht. – Prof. Yohanna Katanacho, den die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche auf einer gemeinsam geplanten Reise mit dem Vorstand des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Nordrhein Ende dieser Woche in Israel getroffen hätte, legt hierauf großen Wert: Er ist, wie er sagt, stolzer israelischer Staatsbürger und Palästinenser. Das ist kein Widerspruch.

Für uns als rheinische Kirche ist es sehr bedauerlich, dass der Landesverband der Jüdischen Gemeinden heute unsere gemeinsame Reise abgesagt hat.

Volker Haarmann, EKiR Düsseldorf, 24.02.2018

Das von Dr. Haarmann zuletzt ausgesprochene Bedauern kommt in der am selben Tag von der EKiR herausgegebenen Pressemitteilung Nr. 72/2018 zum Ausdruck: „Reise nach Israel: Kirche bedauert Absage durch Jüdischen Landesverband“.

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) Manfred Rekowski

Präses Manfred Rekowski erklärt dort: „Gerade weil wir in vielen konstruktiven Gesprächen mit unseren jüdischen Partnern festgestellt haben, dass wir bei historischen und politischen Fragen auch unterschiedlicher Meinung sind, haben wir gemeinsam diese Reise nach Israel geplant, um Gemeinsamkeiten in unseren Positionen noch besser wahrnehmen zu können, aber auch Unterschiede präziser zu beschreiben“.  „Umso mehr bedauere ich die Entscheidung des Vorstands des Landesverbandes. Gerne hätten wir auch die Reise mit dem Landesverband für das Gespräch über diese kontroversen Themen genutzt. Dort, wo sachliche Kritik an der Arbeitshilfe geübt wird, beschäftigen wir uns selbstverständlich damit.“

Folge der Arbeitshilfe: Absage gemeinsamer Israelreise

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein K.d.ö.R. hat in einer Pressemitteilung heute die „Absage der gemeinsamen Reise der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein nach Israel“ erklärt:

Die geplante gemeinsame Reise der Evangelischen Kirche im Rheinland (EkiR) und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein vom 26.-29. April nach Israel findet nicht statt. Der Vorstand des Landesverbandes hat sich einstimmig zu der Absage entschieden. Eine Delegation des Vorstands und der Geschäftsführung wird in dieser Zeit dennoch Israel besuchen.

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein und die Evangelische Kirche im Rheinland arbeiten seit geraumer Zeit in einem konstruktiven Dialog zusammen. Das erklärte Ziel der Zusammenarbeit war und ist, den Dialog zwischen Christen und Juden in Deutschland zu verbessern sowie diesen zu einem besseren Verständnis für beide Seiten zu nutzen. Im Rahmen dieses Ziels entwickelte sich die Idee, eine gemeinsame Reise nach Israel zu unternehmen.

Hintergrund der nun kurzfristig erfolgten Absage ist ein Essay von Rainer Stuhlmann in der kürzlich veröffentlichten EKiR-Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin auch im christlichen Kalender?“. „Wir wissen es sehr zu schätzen, dass die Evangelische Kirche im Rheinland als einzige evangelische Landeskirche anlässlich des 70. Jubiläums des Staates Israel eine Arbeitshilfe herausgegeben hat. Wir sehen darin einen Beleg des langjährigen konstruktiven Dialogs miteinander“, so der Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, Dr. Oded Horowitz. „Umso mehr hat uns der darin enthaltene Beitrag 70 Jahre Staat Israel – ein Datum im christlichen Kalender? bestürzt und traurig zurückgelassen. Die darin geäußerte Verunglimpfung des Staates Israel als brutale Besatzungsmacht und die Unterschlagung historischer Fakten sind für uns nicht hinnehmbar. Zur 70. Jubiläumsfeier der Gründung des Staates Israel auf die Lebenslage der palästinensischen Bevölkerung als direktes Resultat der Staatgründung Israels zu verweisen, stellt das Existenzrecht Israels in Frage und hinterlässt einen faden Beigeschmack antizionistischer Stereotype.

Dies führte zu einer Hinterfragung der Grundlage unserer gemeinsamen Unternehmung. Dass es sich um einen namentlich gekennzeichneten Beitrag und nicht um eine Grundlagenerklärung der Landeskirche handelt, hat mir Präses Manfred Rekowski in persönlichen Gesprächen versichert. Zur Aufrechterhaltung der gemeinsamen Reisepläne wäre für uns eine unmissverständliche Erklärung der Kirchenleitung bzw. Distanzierung zu dem Artikel notwendig gewesen, die genau dies ausdrückt. Nachdem hierzu kein Übereinkommen erzielt werden konnte, haben wir uns als Vorstand des Landesverbandes entschieden, die gemeinsame Reise nicht anzutreten. Wir stehen jedoch weiterhin für die regelmäßig stattfindenden Konsultationen mit der EKiR zur Verfügung und hoffen, den wichtigen und konstruktiv-kritischen Dialog in diesem sinnträchtigen Jubiläumsjahr zu einem gegebenen Zeitpunkt wieder aufnehmen zu können.“

Inzwischen sind die Planungen für eine eigene Israel-Reise des Landesverbandes anlässlich des Staatsjubiläums und als Zeichen der Solidarität mit Israel angelaufen.

„70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“ – Eine Stellungnahme

Die Fachgruppe Christen und Juden der Evangelischen Kirche im Rheinland hat eine Gottesdienst-Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“ veröffentlicht. Wesentlichen Aussagen dieser Schrift ist zu widersprechen. Deshalb  geben wir die folgende Stellungnahme ab.

In Israel hat man in der vergangenen Woche zwei Tage lang mit vielen Parties recht fröhlich die 70. Wiederkehr der Gründung des Staates gefeiert. Vielleicht auch nach dem Motto: Sorgen haben wir dann morgen wieder genug! Als evangelische Christin oder Christ musste man den israelischen Unabhängigkeitstag nicht unbedingt so ausgelassen mitfeiern wie in Israel; Ausgelassenheit gehört sowieso nicht zu den protestantischen Tugenden. Nach unserem Kalender haben wir den Geburtstag im Mai außerdem noch vor uns, die Einladungen dazu sind zusammen mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen schon verschickt.

Doch so griesgrämig, so zweifelnd wie die Evangelische Kirche im Rheinland kann man es wirklich nicht machen. Sie hat ihren Gemeinden eine „Arbeitshilfe“ zum Anlass geschickt und ein Fragezeichen hinter ihre Gratulation gesetzt: „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“. „Arbeitshilfe“ ist eine spezifisch kirchliche Literaturgattung. Für sie ist typisch ein Raunen der Sprache, hier schon im Vorwort: „Wir wissen um die besondere Bedeutung, die der Staat Israel auch für die jüdische Gemeinschaft bei uns … hat“ schreibt man, statt die Bedeutung zu benennen, oder: „Wir teilen die Freude über das Bestehen dieses Staates“ anstelle sich zu freuen.

Wirklich bedrückend ist jedoch, dass es beim Thema Israel für eine Landeskirche in Deutschland nicht ohne ein „sowohl … als auch“ zu gehen scheint. Keine Mitfreude ohne das Leiden der Palästinenser in jedem Abschnitt, in jedem Gebet des angefügte Gottesdienstentwurfes! Keine Frage, es gibt Leiden infolge der Gründung des Staates Israel. Doch ein konsequentes kirchliches „sowohl … als auch“ dürfte ebenso die Vertreibung von 750.000 Juden aus arabischen Staaten als eine der Folgen israelischer Unabhängigkeit nicht verschweigen. Jahrhundertealtes jüdisches Leben in muslimischer Kultur kam in der Folge an sein unwiederbringliches Ende.

Streiten über geschichtliche Wahrheiten kann man freilich nicht mehr, wenn das biblische Verbot falsch Zeugnis zu reden verletzt wird. „Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt.“ Nein, nicht der Plan, Arabern wie Juden einen eigenen Staat zu ermöglichen, führte zum Krieg, sondern arabisches Nein zu jeglichem jüdischen Staat – das im übrigen als palästinensisches Nein bis zum heutigen Tag andauert.

„Am Ende des Krieges hatten die Juden ihren Staat, der weit größer war, als es der Teilungsplan vorsah. Und die Palästinenser nichts.“ Nein! Denn wie sonst hätte Jerusalem bis 1967 eine geteilte Stadt werden können!

Die Falschaussagen liegen darin begründet, dass die „Arbeitshilfe“ den Begriff „Palästinenser“ unhistorisch und einem Narrativ der Fatah und Hamas folgend verwendet. Wenn die rheinische Kirche die mehr als 20 Prozent arabische Bevölkerung innerhalb der Grenzen des Staates Israel, die dieselben Rechte haben wie jeder Israeli, als „Palästinenser“ bezeichnet, betreibt sie ein Geschäft, das den Staat Israel nicht erhalten, sondern aufweichen will. Insofern ist die abschließende Gebetshoffnung, „dass gerechte und friedvolle Koexistenz zwischen beiden Völkern in diesem Land früher als in fünfzig Jahren möglich und länger als einhundertundzwanzig Jahre währen wird“, unehrlich.

Auch die Christen im Heiligen Land werden den Palästinensern zugeschlagen. Darum ist für die rheinische Kirche wegen zweier im Unabhängigkeitskrieg zerstörter christlich bewohnter arabischer Dörfer „die Staatsgründung Israels … ein Datum im christlichen Märtyrerkalender“. Hier wird palästinensische Terminologie des politischen und des Terrorkampfes (auch jeder Attentäter gilt dort als Märtyrer) in evangelische Gemeinden im Rheinland eingeführt.

Mit palästinensischer Theologie wird genauso verfahren: „Die palästinensischen Christen leben seit zweitausend Jahren im Land.“ Spätestens hier gibt es für eine Kirche keine Entschuldigung wegen Unwissenheit mehr. Nicht Palästinenser bildeten die Jüngerschaft des Jesus von Nazaret. Jüdinnen und Juden waren es, die die Botschaft vom auferweckten Christus zu den Völkern brachten, weil sie auf die Verwirklichung des biblisch angekündigten Friedens zwischen dem Volk Israel und den Völkern in der Jetztzeit hofften. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat mit ihrer „Arbeitshilfe“ jedoch in Zeiten christlich-jüdischer Vergegnung zurückgeführt, die man vergangen gehofft hatte. Sie hat einen Beitrag zum Unfrieden zwischen Juden und Christen herausgegeben.

Ricklef Münnich